Marieke, Anneke und Enrik haben Dinge, die nur ganz wenige Kinder haben – ein Kuschel-Kälbchen beispielsweise, das Nummer 122 heißt, und ein Shetland-Pony namens Johnny. Und Vater und Mutter und Opa, die fast immer zu Hause sind. Denn die drei Kinder leben auf einem Bauernhof, einem Vollerwerbsbetrieb mit 300 Bullen und 1000 Mastschweinen, einem von gut 21.000 in Nordrhein-Westfalen. Arbeit und Familienleben sind so eng ineinander verwoben.
Acht Uhr früh
Noch sind Ferien. Marieke, das achtjährige „Schulkind“ der Familie, schläft noch, Anneke, die grade sechs geworden ist, und der dreijährige Enrik löffeln Cornflakes mit Milch. „Das ist Ferienessen, das gibt’s nur manchmal“, zwinkert Christiane Nordhues-Hillmann und stellt Wurst und Brot auf den Frühstückstisch für die Männer. Bauer Michael Nordhues-Hillmann, Altbauer Heinrich Nordhues-Hillmann und Azubi Hendrik Heitmann haben schon die Schweine versorgt. Christiane Nordhues-Hillmann hat um sechs Uhr früh ihr halbes Morgenstündchen mit der Zeitung und einer Tasse Kaffee genossen. „Das nimmt Stress aus dem Alltag.“
Halb neun
Sieben Personen sitzen um den Tisch – eine Patchworkfamilie der besonderen Art. „Ich bin als Verwalter auf den Hof gekommen – und mit 35 Jahren adoptiert worden“, erzählt der verwitwete Altbauer. So regelte man früher die Hofnachfolge, wenn es keinen Erben gab. Er selbst, auch kinderlos, hat es ebenso gehalten. Michael Nordhues-Hillmann ist sein Neffe. Seit er Teenager ist, lebt er auf dem Hof. „Er sollte Klavier spielen lernen. Im Winter ist er auch brav hingegangen. Aber im Frühjahr hat er dann gemeint: Kann ich nicht lieber beim Hafersäen helfen?“, verrät der Onkel. Die Leidenschaft fürs Landleben ist geblieben, dem Altbauern und seinem Nachfolger. „Sonst kann man diese Arbeit nicht machen.“
Neun Uhr
Azubi Hendrik holt mit dem Trecker Futter für die Rinder, sechs Tonnen verteilt er mit dem Futterwagen. Früher war das Knochenarbeit für mehrere Männer. Der Bauer kontrolliert derweil die Bullen in ihren Boxenställen. „Man hat einen Blick dafür, wenn den Tieren etwas fehlt.“ Sein Handy klingelt – Christiane Nordhues-Hillmann kündigt an, dass gleich die Kinder kommen. Da heißt es, ein Auge auf den Nachwuchs haben. Denn der „Spielplatz Bauernhof“ ist durchaus nicht ungefährlich. Azubi Hendrik hebt Enrik zu sich auf den Trecker. Dort klebt ein bunter Aufkleber: „Wo ist dein Kind?“ Wenn viele Fahrzeuge rangieren, wenn es hektisch wird, ist der Wirtschaftshof für die Kinder tabu.
Zehn Uhr
Christiane Nordhues-Hillmann setzt sich an den Computer, bezahlt Rechnungen, füllt Tierpässe aus, macht Anträge fertig. Eigentlich arbeitet sie bei den RWE, als kaufmännische Angestellte, Seit acht Jahren ist sie in Elternzeit, bald will sie wieder einsteigen, vielleicht einen Tag die Woche, denn Enrik kommt jetzt in den Kindergarten. Als der kleine Junge seiner Mutter auf den Schoß klettert, zerstrubbelt sie ihm das Haar. „Vielleicht behalte ich ihn einen Tag die Woche zu Hause – zum Kuscheln.“
Halb zwölf
Die Bäuerin schiebt Bleche mit Rosmarinkartoffeln und Schnitzeln ins Rohr. „Ich habe gar nicht so viel gekocht, ehe ich hier ins kalte Wasser geworfen wurde“, lacht sie. Mittlerweile beherrscht sie die Tricks der Landfrauen, schnell ein leckeres Mahl für eine große Runde zu zaubern. Marieke schnibbelt Tomaten und Gurken für einen Salat, dann rühren Mutter und Tochter Teig für einen Fantakuchen zusammen. „Die Mädchen bekommen Freundinnen-Besuch.“
Mittag
Wenn Schule ist, radelt Michael Nordhues-Hillmann um diese Zeit häufig ins Dorf, und holt die Kinder von der Schule ab. „Ich erlebe ganz intensiv mit, wie meine Kinder aufwachsen“, sagt der Bauer. Als Anneke vor wenigen Tagen Geburtstag gefeiert hat, war auch Papa bei der Schatzsuche dabei. Jetzt, in den Ferien, wollen die Kinder mittags eine Runde toben und schmusen, dann decken sie den Tisch und Mama holt die knusprigen Schnitzel aus dem Ofen.Die Männer bereden, was nachmittags zu tun ist. Es regnet, deshalb stehen Instandsetzungsarbeiten auf dem Programm. Und natürlich wird viel gelacht am Mittagstisch. „Als mal ein Schwein gestorben war, hab ich gesagt: Das schläft jetzt ganz tief“, berichtet die Bäuerin. Da haben mich die Kinder mitleidig angeschaut und gesagt: Ach Mama, das Schwein ist doch tot.“
Zwei Uhr
Heinrich Nordhues-Hillmann und Enrik legen sich ein Stündchen aufs Ohr. Marieke und Anneke besuchen die Kälber. Eines lutscht an den Stiefeln auf der Suche nach Milch. Die beiden Mädchen wissen schon genau, was sie einmal werden wollen – Reiterin und Tierärztin. Vielleicht wird Enrik Bauer. Bob, der Baumeister, ist derzeit jedenfalls sein Held.
Vier Uhr
Die Männer versorgen noch einmal die Tiere. Derweil drängen sich fünf Mädchen in der Küche um den Tisch, Enrik, seine abgeliebte Stoffpuppe im Arm, fröhlich dazwischen. „Ich finde es gut, wenn alle ihre Freunde da haben, dann gibt es keinen Streit“, sagt Christiane Nordhues-Hillmann. Sie führt ein offenes Haus, genießt es, wenn zur Erntezeit die halbe Nachbarschaft mit am Tisch sitzt. Aber manche Tage sind ganz bewusst für die Familie reserviert. „Dann fahren wir mit dem Rad raus oder gehen schwimmen.“
Halb sieben
Das Abendessen ist vorbei. Jetzt ist Opa-Fernseh-Stunde auf dem Hof. Heinrich Nordhues-Hillmann sitzt in seinem Sessel, in jedem Arm ein Kind. „Das ist die Zeit, in der wir bei einer Tasse Kaffee auch mal etwas besprechen können, was die Kinder nicht unbedingt hören müssen“, genießen auch Dhristiane und Michael Nordhues-Hillmann das Abendstündchen. Dann verschwindet der Nachwuchs im Bett. Manchmal walkt Christiane Nordhues-Hillmann jetzt eine Runde, manchmal hat der Bauer im landwirtschaftlichen Ortsverein zu tun, hin und wieder ist er als Elternvertreter in der Schule unterwegs oder düst mit Motorrad oder Quart durch die Felder. Und manchmal radeln sie zu zweit ins Grüne, ganz entspannt. Denn Opa Heinrich hat ja ein Auge auf Kinder und Vieh.
