Was bringt das gemeinsame Essen in der Familie?
Ute Hantelmann : Es gibt gleich mehrere Vorteile. So ist es wichtig, feste Punkte zu haben, um die Familiengemeinschaft zusammen zu halten. Natürlich kommen auch andere Lebensmittel auf den Tisch, als wenn sich jeder selbst in der Küche versorgen würde. Statt kleineren Snacks wird für mehrere Leute auch mal eine Gurke geschnitten. Außerdem wird in der Gemeinschaft bewusster gegessen. Man entwickelt eher ein Gefühl dafür, welche Mengen man essen muss, um satt zu werden.
Doch das gemeinsame Essen als Ritual gibt es immer seltener?
Hantelmann : Meine Erfahrungen bestätigen das. Durch flexiblere Arbeitszeiten stehen manche Leute nun auch mal bis 22 Uhr oder länger im Laden, oft sind beide Eltern berufstätig, es gibt Ganztagsschulen, zeitintensive Hobbys und Ablenkungen wie das Internet, die vom gemeinsamen Essen wegführen. Das ist schade, weil eine Mahlzeit ein zuverlässiges Ritual ist, in dem die Familie nicht nur miteinander redet, sondern sich auch erlebt. Es sind kleine Momente der Verlässlichkeit.
Was schlagen Sie vor, um das gemeinsame Essen in der Familie zu ermöglichen?
Hantelmann : Es muss ja nicht so sein, dass die Familie Frühstück, Mittagessen und Abendbrot zusammen einnimmt. Man kann abstimmen, welches die Familien-Mahlzeit ist, bei der alle am ehesten Zeit haben. Das schafft auch einen Wert für die Gemeinschaft.
Alltagsstress kann das Essen belasten. Wie wichtig ist die Stimmung am Tisch?
Hantelmann : Die Atmosphäre ist fast wichtiger als das Essen. Schlechte Noten lassen sich nach dem Essen ruhiger klären werden, denn solche unangenehmen Themen lenken vom Essen ab und bekleiden es negativ. Viel spannender für alle sind Gespräche über schöne Tagesabläufe. Kinder merken sehr genau, wenn man sich darüber freut, was sie einem erzählen. Besser ist es, wenn der Fernseher in dieser halben Stunde ausbleibt, um nicht abzulenken.
Oft gibt es bei der Wahl des Essens Ärger. Was raten Sie da?
Hantelmann : Beim Essen muss man jedem Familienmitglied gerecht werden. Jeder darf mal bestimmen, was es gibt – und alle essen es dann. Zumindest sollte alles probiert werden. Die Spitze vom Teelöffel reicht da schon aus. In solchen Momenten ist auch die Autorität der Eltern wichtig. In den Kindertagesstätten wissen die Kinder irgendwann um die Regel, dass sie alles probieren müssen und halten das ein. Das geht auch zuhause.
Und wenn es den Kindern nicht schmeckt?
Hantelmann : Dann sind die Eltern schlau, wenn sie das akzeptieren und ihre Überzeugung ausdrücken, dass es den Kindern schon irgendwann schmecken wird. Mit Tricks wie „Wenn du größer bist, wirst du das auch mögen!“ kann man Anreize schaffen, das Essen wieder zu probieren. Und es ist sinnvoll, die Kinder anzuregen, genau zu erklären, was ihnen nicht schmeckt. Das hilft bei der sprachlichen Entwicklung und der sensiblen Auseinandersetzung mit dem Essen.
