Zurück zur Übersicht
familiensache

Ein Leben im Dienst der Milch

Auch die Wördemanns aus Ostbevern haben einen Vier-Generationen-Betrieb, der davon lebt, dass alle mit anpacken: Großvater, Vater und Sohn sind Milchwagenfahrer, die Ehefrauen halten ihnen den Rücken frei. Und sogar der kleine Friethjof begeistert sich bereits für brummende Autos. Eine Familiensaga.

familiensache | Ein Leben im Dienst der Milch
 

Herr Wördemann, Sie sind Milchwagenfahrer in vierter Generation. Wie ging es seinerzeit los?

Bernd Wördemann (30): Mein Uropa Bernhard hat das Geschäft 1934 gegründet. Der ist noch mit Pferd und Wagen in der Nachbarschaft rumgefahren und hat die Milch eingesammelt. Maximal 80 Kannen passten auf das Gefährt. Das war echte Knochenarbeit, so eine 23-Kilo-Kanne, die die Bauern an die Straße gestellt hatten, auf den Wagen zu wuchten.

Uropa, Opa, Vater, Sohn – vier Generationen packen mit an. Hat nie einer von Ihnen mal den Beruf wechseln wollen?

Karl Wördemann (59): In den Anfangszeiten gab es ja nicht so viel Auswahl in Sachen Beruf. Und später haben wir uns gedacht: Schuster, bleib bei deinem Leisten. Ich bin mit dem Geschäft groß geworden, lebe – seit ich denken kann – sieben Tage die Woche damit. Ostern, Weihnachten, einen Heiligabend gibt es für uns nicht. Die Milch darf ja nicht verderben. Ich habe schon als junger Mann dem Vater geholfen und fand es toll, viel unter Menschen zu sein. Wir kommen selbst aus der Landwirtschaft, hatten Sauen und Milchkühe. Heute haben wir noch einen kleinen Betrieb, sechs Hektar im Nebenerwerb: Getreide- und Mais-Anbau. Im Vordergrund steht aber der Milchtransport.

Heute fahren sie 75 Höfe an, bringen täglich rund 130 000 Liter Milch aus dem gesamten Kreis Warendorf zum Deutschen Milchkontor nach Everswinkel. Das Geschäft wird schneller, hektischer. Was bedeutet das für Sie?

Karl Wördemann : Wir fahren drei Schichten jeden Tag, ich, mein Sohn und zwei Festangestellte. Da heißt es schon mal, um Mitternacht loszulegen, um alles zu schaffen. Meine Frau schmiert mir vorher immer die Stullen. Der Lkw fährt zwei Tage am Stück über Bundesstraßen und Wirtschaftswege und steht nur ganz kurz für zwei Stunden. Das Berufsbild hat sich komplett verändert: Von den zwei Pferdestärken der Anfangszeit über einen 22-PS-Schlepper Anfang der 50er Jahre bis hin zum ersten Lkw 1969. Auf ihn folgte einen ganze Reihe – und heute läuft ohne die neueste Technik nichts mehr. Schon seit 1971 gibt es keine Milchkannen mehr, sondern nur noch gekühlte Tanks. Auch am Wagen ist alles Elektronik- und Computer-gesteuert, selbst die Proben, die von der Milch genommen werden.

Und der Kontakt zum Kunden?

Hildegard Wördemann (58): Früher erzählte mein Schwiegervater, wie er bei den Bauern noch ein Schnäpsken bekommen hat und Zeit war zum Klönen. Das ist heute anders, da wird die Milch abgesaugt – und weiter geht’s. Jede Minute Verzug sind bei 75 Höfen 75 Minuten, die hinten fehlen.

Herr Wördemann, wann haben Sie sich entschlossen, den Familienbetrieb zu übernehmen?

Bernd Wördemann : Ich hab erst Speditionskaufmann gelernt, eine Lkw-Mechaniker-Lehre gemacht und war dann zwei Jahre im Außendienst. Ich denke mal, ich war so 25, als für mich feststand: Ich steige hier ein. Zu dem Zeitpunkt hat mein Vater den Hof für drei Generationen umgebaut. Meine Großeltern, meine Eltern und wir – also ich, meine Frau Carolin und mein Sohn Friethjof – haben je einen eigenen Wohnbereich und hocken so nicht alle aufeinander. Die Mahlzeiten nehmen wir aber zusammen ein.

Wie sieht es denn mit Friethjof aus, wird der auch irgendwann Milchwagenfahrer?

Carolin Wördemann (27): Naja, der findet auf jeden Fall jetzt schon alles spannend, was brummt ...

Gab es Pannen und Katastrophen in den vergangenen 70 Jahren?

Karl Wördemann (stöhnt ): Der letzte Winter war schlimm, viele Hofzufahrten wurden nicht richtig von Eis und Schnee befreit. Da lagen wir an Weihnachten und Silvester mit dem Lkw oft mehr neben als auf der vereisten Straße. Und dann, ja, ist der Wagen dem Bernd vor zwei Jahren mal umgekippt und musste mit dem Kran wieder aufgerichtet werden. Milch ist aber nicht ausgelaufen. Gottlob, wir transportieren ja Lebensmittel – und haben Verantwortung dafür.

Dann gehört der Milchtank-Zug ja quasi schon zur Familie ...

Karl Wördemann (lacht ): Ja, fast. Ich für meinen Teil habe eine besondere Beziehung zu dem Wagen – Ich spüre meistens, wenn da irgendwas im Anmarsch ist, hab ein Auge für Sachen, die bald kaputtgehen. So kann man vorausschauend reparieren und Kosten sparen. Aber auch so hält der nur seine vier bis fünf Jahre, weil er permanent unterwegs ist.

Und was bedeutet Ihnen das Land, auf dem Ihr Hof steht – ist das Heimat für Sie?

Wördemann : Definitiv. Mein Opa hat die Hofstelle gekauft, nächstes Jahr sind wir hier 100 Jahre zu Hause. Ich würde niemals wegziehen. Allerdings sitze ich ja öfter im Führerhaus als im Wohnzimmer. Deswegen achte ich immer darauf, den besten Sitz zu nehmen. Für den Rücken.

Haben Sie denn auch mal Urlaub?

Wördemann : Zehn Tage im Jahr, die müssen einfach sein. Und dann die drei Tage, wenn Schützenfest ist ...

(Julia Gottschick)


Kommentare