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Freizeit als Mangelware

Ganztagsschule, Turbo-Abi, Hausaufgaben, Sportverein und Musikunterricht: Viele Kinder und Jugendliche haben kaum noch Zeit, dem Spieltrieb nachzugeben oder einfach mal fünfe gerade sein zu lassen. Der Leistungsdruck wird immer größer – doch gemeinsam können Eltern und Kinder gegensteuern.

leistungsdruck | Freizeit als Mangelware
Foto: © Colourbox
 

Schwer zu sagen, ob die Lage früher wirklich besser war. Ob das Leben eines normalen jungen Menschen im Jahr 2011 tatsächlich anstrengender und rastloser ist als ein vergleichbares Aufwachsen vor 20 oder 30 Jahren. Schließlich war ja früher, als die Eltern von heute die Schulbank drückten, alles ein bisschen schöner – und überhaupt: Was heißt das schon, Stress? Was dem einem anstrengend erscheint, meistert der andere bekanntlich spielend.

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Aber Anzeichen dafür, dass der Druck im Laufe der Zeit größer geworden ist, gibt es schon: Nicht allein, dass immer mehr Kinder und Jugendliche mit Burnout-ähnlichen Symptomen in den Praxen der Psychotherapeuten landen. Auch körperliche Symptome lassen aufhorchen. So meldete unlängst die Uni Rostock, dass dem deutschen Nachwuchs zunehmend der Schädel brummt. „Im Vergleich mit Daten von vor 40 Jahren verzeichnen wir einen Anstieg des Kopfschmerzes bei Kindern von mehreren hundert Prozent“, teilten die Wissenschaftler mit. Als Ursache für diese alarmierenden Zahlen nannten sie nicht nur exzessiven Medienkonsum, auch den immer größer werdenden Stress machten die Experten für diese Entwicklung verantwortlich.

Dass die Freizeit von Kindern zu einem knappen Gut geworden ist, spürt auch die Familie Gosmann aus Lüdinghausen. Deshalb achten Carmen und Franz-Josef Gosmann sorgsam darauf, dass ihre Töchter Anna und Paula nicht zu sehr in die „Stressfalle“ geraten: Weil die zwölfjährige Anna nach der Schule nicht nur ihre Hausaufgaben zu bewältigen hat, sondern auch Leichtathletik betreibt, am DLRG-Rettungsschwimmer-Training teilnimmt, Flügelhorn-Unterricht nimmt und Badminton spielt, trat die Familie vor Kurzem auf die Bremse. „Eigentlich machst du ja genug, habe ich zu meiner Tochter gesagt“, erinnert sich Mutter Carmen. Nach einigem Überlegen verschwand die Badminton-AG vom Wochenplan.

Anna, die demnächst an manchen Tagen fast bis vier Uhr die Schulbank drückt, konnte sich mit der gemeinsam getroffenen Vernunfts-Entscheidung anfreunden: „Es war schon ein bisschen schwer, sich mit Freunden zu verabreden“, sagt sie, „die haben ja auch ihre Hobbys. Manchmal, wenn mich jemand fragt, ob ich mal wieder Zeit habe, muss ich Nein sagen.“ Und nicht allein die menschlichen Freunde haben in stressigen Zeiten das Nachsehen: „Ich habe immer weniger Zeit für unseren Hund und unsere Kaninchen“, bedauert Anna. „Früher habe ich mich öfter rausgesetzt, um sie zu streicheln.“

Nicht minder aktiv ist Annas Schwester Paula: Die Neunjährige geht zwar noch nicht bis nachmittags zur Schule – dafür besucht auch sie den Rettungsschwimmer-Kurs, spielt Djembé, eine afrikanische Trommel, und übt sich im Voltigieren. „Wir sprechen mittlerweile darüber, wenn jemand noch etwas Neues machen möchte“, sagt Carmen Gosmann. „Mein Mann und ich behalten das gut im Auge.“ Auch wenn sich die beiden einig seien, dass „Schule vorgeht“: Der Verzicht auf bestimmte Hobbys geschieht bei den Gosmanns nicht allein zugunsten schulischer Pflichten. „Wichtig ist auch, dass die Kinder Zeit haben, sich einfach nur zu verabreden, einfach zu spielen“, sagt die Mutter. Und fügt hinzu: „Der Druck der Gesellschaft ist sehr hoch, jeder möchte ja für sein Kind nur das Beste. Alle müssen später studieren, die Kinder sollen später ja alle Möglichkeiten haben. Aber nicht jeder ist dafür geeignet.“

Viele jener Kinder, die für den wachsenden Leistungsdruck „nicht geeignet“ sind, finden sich irgendwann in den Behandlungsräumen von Psychotherapeuten wieder. „In der Praxis erlebe ich täglich, dass Kinder und Jugendliche starken Stress empfinden“, bestätigt die münsterische Psychotherapeutin Fariba Padidar. „Sie kommen zum Teil erst um 17 Uhr aus der Schule, sehen sich dort mit hohen Anforderungen konfrontiert. Auch die Gesellschaft vermittelt, dass man etwas lernen und einen ordentlichen Beruf finden muss, damit man es zu etwas bringt.“

Dieses Bild werde einerseits von den Medien und der Politik vermittelt, häufig aber auch von den Eltern. „Je nachdem, welche persönlichen Erfahrungen und Ängste bei ihnen vorliegen, üben die Eltern oft unbewusst einen hohen Druck aus“, sagt Padidar. „Die Notwendigkeit, dass Kinder neben der Schule und den Hausaufgaben noch eine entspannte Freizeit verleben, wird in diesen Fällen übersehen oder unterschätzt.“

Dabei sei wirkliche Freizeit, also echtes „Nichtstun“ jenseits von Sportverein und Musikschule, für jeden Heranwachsenden ein Muss: „Das ist wichtig für eine normale psychologische Entwicklung“, sagt die Therapeutin. „Junge Menschen müssen zum Beispiel lernen, sich in ihrer ,Peergroup’, also unter Gleichaltrigen, zu behaupten. Sie müssen soziale Kompetenzen erlernen und sich ausprobieren können. Und das Ganze ohne Stress.“

(Philip Ritter)


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