Frau Römer, leiden Ihre Kinder unter Freizeitstress?
Römer : Nein. Mehr als zwei oder drei Nachmittagstermine für Sport und ein Musikinstrument haben meine Kinder nicht.
Ist ein angeleitetes Freizeitprogramm fördernd?
Römer : Das kommt darauf an, was man dem Kind warum angedeihen lässt. Wenn das Kind Freude und Interesse an dem Hobby hat, ist das doch prima. Wenn es aber in Stress ausartet und das Kind immer aus seinen Spielaktivitäten herausgerissen wird, um zum Reiten oder zum Tanzen gebracht zu werden, dann sollte man sich schon fragen, ob es nicht besser wäre, ein bisschen mehr Ruhe einkehren zu lassen.
Wie können Eltern erkennen, wie viele Freizeitaktivitäten ihrem Kind guttun?
Römer : Kinder senden meistens deutliche Signale, wenn sie gestresst sind. Manchmal halten sie es aber auch für ihre Pflicht, das alles brav zu absolvieren, weil sie die Eltern nicht enttäuschen wollen. Man muss genau hinschauen, ob es wirklich das Kind ist, das dieses Hobby machen will, oder ob es eher im eigenen Interesse ist.
Welche Rolle spielt die Reizüberflutung der heutigen Zeit? Brauchen Kinder Dauer-Entertainment?
Römer : Im Gegenteil. Kinder brauchen viel Ruhe und manchmal auch Langeweile. Die Reizüberflutung – ob das nun permanenten Ansprache ist oder massiver Medienkonsum – verhindert, dass die Kinder wieder zu sich finden. Permanente Zerstreuung macht unkonzentriert und manchmal auch aggressiv. Die Kinder sollten Zeit haben, die sie selbst gestalten können.
Einfach mal die Seele baumeln lassen – haben Kinder heute das Gefühl, das nicht mehr zu dürfen?
Römer : Da sind wir Erwachsenen ja leider oft kein gutes Beispiel. Wir leben ja alle ein mehr oder weniger hektisches und arbeitsreiches Leben, da bleibt fürs Seele baumeln lassen oft auch keine Zeit. Wir sollten das als Familie durchaus pflegen, einfach mal zusammen einen Faulenzertag einführen oder öfter mal bewusst einen Gang runterschalten. Und zwar ganz unabhängig von Schul- oder anderen vorher erbrachten Leistungen.
Können Kinder heute noch Ruhe ertragen, oder müssen sie das etwa durch Yoga erst erlernen?
Römer : Das ist natürlich sehr unterschiedlich und kommt oft auch auf die familiäre Situation an. Kinder, deren Eltern Probleme und viel Stress haben, tendieren dazu, unruhig zu werden. Sie müssen ja irgendwohin mit ihren Gefühlen. Bei manchen Kindern liegt es nicht nur am Freizeitstress, sondern an tiefer liegenden Problemen, wenn sie oft stören oder hibbelig sind.
Was kann passieren, wenn Kinder sich durch „Freizeitstress“ dauerhaft überfordert fühlen?
Römer : Sie lernen, dass sie „funktionieren“ müssen. Dass sie nicht über ihre Zeit und ihre Leben selbst bestimmen können. Dass nur ein Leben mit vollem Terminkalender ein gutes Leben ist. Das kann dann auch ins Gegenteil umschlagen, so dass sie irgendwann in die Verweigerung gehen. Spätestens in der Pubertät kommen dann oft provokative „Faulheitsphasen“.
Zu den Freizeitaktivitäten gesellen sich vermehrt Therapien oder Nachhilfe-Sitzungen. Sind unsere Kinder gestörter oder dümmer als früher?
Römer : Weder noch. Die Ansprüche sind einfach gestiegen. Das hat mit den Veränderungen der Arbeitsmarktsituation zu tun. Wenn man mit einem Hauptschulabschluss keine gute Lehrstelle mehr bekommt und viele Betriebe nur noch Abiturienten ausbilden, dann resultiert daraus massiver Schul- und Leistungsdruck. Wer was werden will, muss also schon früh viel dafür tun. Schon Achtjährige fürchten heute, dass sie arbeitslos werden könnten, wenn sie nicht aufs Gymnasium kommen.
Immer öfter werden Stimmen zugunsten von Frühförderung laut – eine gute Entwicklung?
Römer : Frühförderung ist im Grunde was sehr Gutes – es kommt nur darauf an, was man darunter versteht. Wenn es darum geht, allen Kindern schon im Kindergarten altersangemessene Angebote zu machen, die ihre Konzentration und Kreativität fördern, ihre Fantasie beflügeln und ihre Neugier befriedigen, dann ist das doch wunderbar. Wenn es aber eher darum geht, den Kindern schon früh Lesen oder Chinesisch beizubringen, dann ist das eher schon wieder eine Anpassungsleistung an die Forderungen der Wirtschaft. Schließlich bringen wir unseren Kindern erst Chinesisch bei, weil China wirtschaftlich so bedeutsam geworden ist.
Warum fungieren Eltern zunehmend freiwillig als Chauffeure und Freizeit-Manager?
Römer : Weil sie es für ihre Pflicht halten, ihren Kindern ein abwechslungsreiches Leben zu bieten und deren kreativen Potenziale zu entfalten. Das ist im Grunde auch nicht schlecht, nur manchmal degradieren sich (vor allem) Mütter selbst zum (unbezahlten) Dienstleistungsbetrieb für ihre Kinder. Also ab und zu mal prüfen: Warum tue ich das? Ginge es auch anders? Was würde passieren, wenn ich die Chauffier-Dienste aufgäbe? Würde mein Kind dann alleine zum Sport fahren oder wäre es dann dazu zu bequem? Daran kann man gut erkennen, wie motiviert das Kind selber ist.
In der Politik heißt es oftmals, Kinder sollten ihr Potenzial zum Wohle der Gesellschaft entfalten können. Halten Sie diesen Anspruch für gerechtfertigt?
Römer : Eine gesunde demokratische Gesellschaft lebt davon, dass sich Menschen engagieren oder durch ihre Arbeitskraft zum Wohle der Menschen beitragen. Aber mittlerweile geht es ja oft mehr darum, dass die Menschen zum Wohle der Wirtschaft beitragen sollen. Und das ist nicht zwangsläufig dasselbe . . .
