Die kleine Lady ist wahrlich ein Riese. Nicht so sehr wegen ihrer Körpergröße, da misst sie nur 60 Zentimeter – höchstens. Aber wegen ihrer Ausstrahlung. Kräftig ist sie, stolz, selbstbewusst und trotzdem von einer spielerischen Leichtigkeit und Überlegenheit. Immer will sie vorneweg sein. An der Spitze.
Das kleine Shetlandpony gehört an diesen zwei Tagen Emmily. Sie ist erst fünf, hat ihre langen blonden Haare unter den Helm gestopft, und es gibt offensichtlich keine passendere Reiterin auf dieser Welt für die kleine braune Lady. Sie verstehen sich blind. Während die restliche Wanderreit-Gruppe auf den schweren Tinkern folgt, und diese irischen Zigeunerpferde ihren Schritt gehen, als hätten sie in ihrem Pferdeleben nie eine andere Gangart gelernt, traben Emmily und Lady vor der Gruppe in einer Art Nähmaschinentrab und geben scheinbar die Richtung an. Die schwarze Mähne des Ponys weht bis an Emmilys Nasenspitze, was der jungen Dame aber nur ein kicherndes Lachen entlockt.
In ihrer Kinder-Reitwelt ist Emmily nicht allein. Bei dem Reitwander-Wochenende rund um Rosendahl und das Wasserschloss Varlar bei Coesfeld hat sie Freundinnen gefunden. Sechs kleine Reiterinnen, für die ein Wochenende mit den geliebten Vierbeinern das Größte ist, haben sich mit ihren Eltern auf dem Reiterhof von Elke Waning getroffen. Die blonde Chefin ist ein Cowgirl, wie es im Buche steht: Mit ihrem breitkrempigen hellen Hut, den abgewetzten Chaps über den Jeans, der breiten, verzierten Gürtelschnalle und derben Stiefeln mit sternförmigen Sporen scheint sie direkt aus einem John-Wayne-Film entsprungen zu sein.
Genauso gefühlvoll, wie sie mit ihren Tieren umgeht, leitet sie an diesem Wochenende ihre Gruppe: Sorgfältig werden die Pferde mit ihren unterschiedlichen Charakteren den ebenso unterschiedlichen Reitern zugeordnet und vorbereitet. Alles wird vor dem Start kontrolliert: „Sattelgurtspannung o. k.? Steigbügellänge o.k.? Die Satteltaschen fest angeknotet? Das Spray gegen die blöden Bremsen? Alles o. k.? Dann kann’s ja losgehen.“ Das Wetter ist glücklicherweise gut. Die Wachsmäntel können am Sattel bleiben.
Das Münsterland ist ein Paradies für Wanderreiter. Die schmalen, weichen Pfade durch Getreidefelder, entlang kleiner Bachläufe und durch dichte kühle Wälder – das alles bringt einem Städter Naturerfahrung, die man sonst nur als Wanderer erleben kann. Wie war das noch mit dem Hollywoodstreifen „City Slickers“, in dem eine Reitwandergruppe aus der Großstadt von einem Chaos ins nächste stürzt? „So schlimm wird’s wohl nicht“, beruhigt die Reitlehrerin, „aber schöner!“ Die Mittagspause auf dem weichen Waldboden, nur einen Katzensprung von Schloss Varlar entfernt, müsste eigentlich nie enden. Elke – Reiter duzen sich natürlich – breitet auf der Decke ein wahres Schlemmerparadies aus. Kinder und Erwachsene liegen auf dem Boden, die Pferde sind in Griffweite an die Bäume gebunden. Weiterreiten? „Gleich, zehn Minuten haben wir noch.“
Diese Ruhe und Entspanntheit sind typisch für das ganze Wochenende. Die Pferde tragen ihren Teil dazu bei: Die Tinker sind eine irische Pferderasse, Kesselflicker nutzten diese friedlichen Tiere für Fahrten durch das Land. Kräftig sind sie, gutmütig, sehr robust. Wenn sie nur nicht immer stehen bleiben würden, um am nächsten Busch zu fressen ... Aber was soll’s? Wanderreiten ist eben ein anderes, ein entspanntes Reiten. Feste Schuhe, Jeans und wetterfeste Kleidung reichen. Und die Liebe zum Pferd natürlich ...
Die Nacht hat Elke auf einer Weide an der Berkel geplant. Die Pferde werden von Sattel und Zaumzeug befreit und mit Wasser aus dem Bach versorgt, mitgebrachte Zelte aufgebaut, Isomatten ausgerollt und Schlafsäcke vorbereitet. Alles geht blitzschnell, weil das Wichtigste wartet: der Grill. Es soll ein langer Abend werden. Das Lagerfeuer wird zum Mittelpunkt des Camps. Reitergeschichten werden erzählt, Marshmallows an Ästen über dem Feuer gebacken, und irgendjemand pfeift den alten Truck-Stop-Hit „Der wilde, wilde Westen fängt gleich hinter Hamburg an ...“ Hamburg? Er fängt hinter Coesfeld an. Keine Frage.
Weit nach Mitternacht schauen die Nachwuchs-Westernreiter noch nach ihren Pferden, bevor sie in die Schlafsäcke krabbeln. Der Mond scheint taghell, das letzte Knistern des Feuers, das sanfte Gluckern und Dahingleiten des Wassers – ein perfektes Abenteuer in einer wunderschönen, friedlichen Atmosphäre.
Am nächsten Morgen ist Elke wieder die Erste. Eine Riesenpfanne Rührei mit Speck hat sie gebrutzelt. Das übertrifft selbst die kühnsten Erwartungen der Freizeitcowboys. Der Geruch dringt durch die Ritzen der Zelte, der Tau an den nackten Füßen auf dem Weg zur Spatentoilette hinter dem nächsten Busch macht wach. Emmily ist natürlich schon wieder bei ihrer Lady, um nachzusehen, ob sie gut geschlafen hat, und bringt das Pony sicherheitshalber gleich mit zum Frühstück. Besser ist besser.
Der 15-Kilometer-Ritt zurück nach Rosendahl kommt allen dann viel zu früh – nur Emmily und Lady nicht. Wie kann man nur mit einem Pony galoppieren? Po links, Po rechts. Mit den Fersen kitzeln? Elke nimmt die beiden erst mal besser an eine Leine. Auch egal – für ein Abschiedsschwätzchen und den schönsten Nähmaschinentrab zum Stall reicht es allemal.
