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Alles nur Theorie...
Mär '11
18:03 Uhr
24

Ich war´s

„Ich hab deine Pralinen nicht aufgegessen“, versichert das Kind, das Gesicht mit Schokolade verschmiert und die Schachtel noch in der Hand. „Ich wars nicht.“  Regelmäßig erlebe ich solche Situationen und so war mir das diesjährige Motto der evangelischen Fasten-Aktion auf Anhieb sympathisch: „Ich war´s - sieben Wochen ohne Ausreden.“ Also habe ich mir den Begleit-Kalender bestellt, darin gibt es dann für jeden Tag der Zeit zwischen Karneval und Ostern eine Seite. Ich habe das schon öfter gemacht; es ging auch mal um sieben Wochen ohne Geiz oder sieben Wochen ohne Aufschieberei. Das Motto finde ich meist interessant, die Illustrationen sind immer toll, die Texte aber irgendwie zu pastoral für meinen Geschmack und so mache ich dann doch nie Tag für Tag mit. Aber ein Denkanstoß ist es trotzdem.

Die ungeschminkte Wahrheit sagen....

Im Internet und auch in Zeitschriften und Zeitungen berichten viele Aktive über ihr Fasten. Die einen nehmen das mit dem „keine Ausreden“ sehr ernst und bemühen sich, statt Notlügen allen Mitmenschen die ungeschminkte Wahrheit ins Gesicht zu sagen: „Deine neue Jacke ist hässlich.“ „Ich habe keine Lust mit dir auszugehen, du wirst immer so peinlich, wenn du was getrunken hast.“  „Nein, das Bild gefällt mir nicht. Selbst für eine Dreijährige ist das eine ziemliche Krackelei.“….oder

Verantwortung übernehmen

Die anderen legen den Schwerpunkt auf „Ich war´s.“  Ich übernehme Verantwortung. Für das, was ich sage, was ich nicht sage, was ich tue, getan hab

Aktionsmotiv

e, falsch oder richtig, ob mit oder ohne böse Absicht.

Das ist gar nicht so einfach und auch nicht selbstverständlich: Vor zwanzig Jahren zum Beispiel wurden für eine Studie renommierte Experten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zu wichtigen Entwicklungen der Zukunft befragt: Wie wird sich die wirtschaftliche und politische Weltlage entwickeln? Wie hoch wird der Ölpreis sein, welche Staatsform in der ehemaligen Sowjetunion und wo steht die Raumfahrt; solche Dinge. Rund 30.000 Vorhersagen wurden gesammelt und dann mit der Wirklichkeit verglichen, als diese eingetreten war: Die Prognosen waren kaum besser als Zufallstreffer. Und die renommierten Experten fingen an sich zu rechtfertigen: „Wenn es so und so gekommen wäre und nicht so, dann hätte ich recht behalten.“ Verantwortlich für ihre Fehlprognosen waren immer unglückliche Umstände, Unvorhersehbares,  oder bestimmte Prozesse und Systeme, die versagt hatten –  wie jetzt in Japan. Auch da ist niemand verantwortlich - das Restrisiko war´s und das das tatsächlich eintritt – wer sollte das ahnen?

Vorbilder gibt es nicht

Was ich damit sagen will: Vorbilder für verantwortungsvolles Handeln ohne Ausreden hat ein Kind also eher nicht. Bei den renommierten Experten nicht und auch nicht bei den Eltern. Die drücken sich nämlich auch ganz gerne mal. „Man lügt nicht“, sagt man dann zu dem Pralinendieb. Oder: „Wir gehen hier nicht ungefragt an die Naschkisten von anderen und außerdem: so kurz vor dem Abendessen sollten kleine Kinder keine Süßigkeiten mehr essen!“

Oder: Will das Kind sich nicht anschnallen, sagen wir: „Der Polizist will das so.“ Weigert es sich, Zähne zu putzen, drohen wir mit Karies und Baktus. Wir sagen: „Willst du Oma nicht mal einen Brief schreiben, die freut sich, wenn du ihr was schönes malst.“ Und nicht: „Bedank dich bei Oma für dein Geburtstagsgeschenk, mir ist das sonst peinlich.“ Und wenn wir beschlossen haben, dass unser Kind fortan ohne Schnuller leben und schlafen soll, dann rufen wir die Schnullerfee. Soll die doch die Böse sein, die den geliebten Nucki hat verschwinden lassen -  Mama war´s nicht.
Mehr zur Aktion „Ich war´s – sieben Wochen ohne Ausreden“ unter www.7-wochen-ohne.de

Wissenschaft im Alltagstest

von: Sigrid Tinz

Diskutieren Sie mit Sigrid Tinz über ihren Alltag als Mutter und Wissenschaftsjournalistin.

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