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Die Kindheit im Eimer
Wenn man es geschickt anstellt, dann kommt man im Wochenbett richtig viel zum Lesen. Und beim vierten Kind weiß man einigermaßen, wie das geht. Also habe ixh viel gelesen in diesem Wochenbett: Magazine, Bücher, Zeitungen, Ratgeber. Ich habe interessante Artikel herausgerissen, gute Stellen angestrichen oder rausgeschrieben auf gelben Klebezettelchen. Zum Beispiel dies: „Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer und das ganze Leben lang rinnt das, was drin war an uns herunter, da mag man die Kleider und Kostüme wechseln, so oft man will.“
So ein Satz halt.
Zukunft als Bedrohung
Aber der hat auf mich – hormonschwankend und mit einem zerknitterten zwei Tage alten Menschlein im Arm – sehr bedeutend gewirkt, wenn nicht sogar bedrohlich.
Was werden wir diesem Würmchen alles überstülpen in den kommenden Monaten und Jahren? Sicherlich einiges wird dabei sein, das mich abends wachliegen lässt: war es richtig so oder wäre es anders richtiger gewesen? Anderes, über das ich mit meinem Mann Grundsatzdebatten führe: Dürfen Kinder mit dem Strohhalm blubbern oder nicht? Einiges wird in dem Eimer sein, von dem ich gar nicht weiß, dass ich es hinein getan habe. Und einiges packe ich mit bester Absicht hinein und werde mir später anhören müssen, dass das das Schlimmste war und wie ich nur könnte, man wüsste doch heute, das Kinder so und nicht so zu behandeln sein, und das hätte ich auch schon wissen können.
Ich weiß noch, dass ich ein, zwei Tage später ein ganzes Psychologie-Heft über Kindheit las. Ein Heft, eigentlich an Erwachsene gerichtet, die irgendwie mit ihrer Kindheit und deren langen Schatten hadern oder auf der Suche danach sind, warum sie so sind, wie sie sind und in der aktuellen Kindheitsforschung Antworten finden wollen. Ich, in meiner momentanen Stimmungslage, fahndete in erster Linie nach Hinweisen, ob meine Kinder eine Chance haben werden, trotz Fehler-Eimer auf dem Kopf einigermaßen zufriedene Menschen zu werden.
Erkenntnis: Die psychologische und neurologische Forschung scheint den oben zitierten philosophischen Satz zu bestätigen, mehr noch: Kinder machen schon vor der Geburt Erfahrungen, die sich in Hirn- und Genstruktur niederschlagen und die sie zeitlebens beeinflussen. Auch die Geburt an sich prägt, und der Empfang in dieser Welt.
Kinder kommen schon mit einem Eimer auf dem Kopf zur Welt
Na prima. Die Kinder kommen schon mit einem Eimer auf dem Kopf auf die Welt! Aber dann wurde es besser, die Texte und die Erkenntnisse in diesem Heft, meine ich: man könne zwar die Kindheit nicht ändern, aber auch im späteren Leben durchaus prägende Erfahrungen machen, gute Erfahrungen, durch Omas, Lehrer, Freunde. Nicht: alles war schlecht, und meine Eltern sind an allem schuld, warum mir dies und jenes im Leben schwer fällt. Man muss Verantwortung für sein Leben übernehmen, für das, was man in diesem Eimer mitbekommen hat, von seinen Eltern, egal ob es gut oder schlecht war, und wahrscheinlich war es meistens beides.
Das nennt man dann wohl Erwachsenwerden.
Fragt sich nur, wie ich das meinen Kinder am besten vermitteln kann...
Und dann bin ich eingeschlafen.
Der Vollständigkeit halber hier noch die Zitierhinweise:
Das Zitat stammt aus dem Buch von Heimito von Doderer „Ein Mord den jeder begeht“ (10,90 €, Deutscher Taschenbuch Verlag).
Und bei dem Psycho-Heft handelt es sich ganz genau um das Psychologie Heute Compact 25 – Kindheit (für 6,90 EUR im Zeitschriftenhandel oder hier zu bestellen.

