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Hausgeburt in der Röhre
Im Dezember wurde ein Kind geboren in einem MRT; also in einem Magnetresonanz-Tomographen, der landläufig als „Röhre“ bekannt ist. Alles im Dienste der Wissenschaft, um mehr über das Geburtsgeschehen zu erfahren und der zuständige Professor sagt, faszinierende Bilder habe man bekommen, einmal mehr wäre bestätigt worden, dass eine Geburt ein Wunder sei. Und alles wäre ganz, ganz ungefährlich für Mutter und Kind gewesen.
Wegen dieser MRT-Geburt hat der Verein Greenbirth jetzt Klage eingereicht , unterstützt von u.a. von Hebammen- und Psychologenverbänden und der Gesellschaft für Geburtsvorbereitung: Weil der Erkenntnisgewinn zu klein sei, um mögliche Schäden des Kindes zu rechtfertigen, denn ungefährlich wäre es keineswegs. Es ist sehr laut in so einer Röhre, aber auch psychische Schäden seien nicht auszuschließen. Schließlich musste das Baby das Wunder seiner Geburt unter absolut unnatürlichen Bedingungen erleben.
WHO ist besorgt
Da ist es allerdings nicht das einzige: Weniger als zehn Prozent aller Kinder werden in Deutschland noch natürlich geboren, also ohne irgendwelche medizinischen Eingriffe (viel mehr darüber steht in einem aktuellen ZEIT-Artikel ). Ich stelle mir gerade die Aufregung vor, wenn es hieße: Weniger als zehn Prozent aller Deutschen stürben eines natürlichen Todes, bei mehr als 90 Prozent aller Todesfälle würde nachgeholfen....Der Vergleich hinkt ein bisschen, das stimmt.
Aber immerhin, auch die Weltgesundheitsorganisation WHO findet es besorgniserregend, dass das Wunder der Geburt mehr und mehr zu einem technischen Vorgang wird. Nicht nur, weil es ungemütlich ist für Mutter und Kind - auch, weil es wohl nicht viel bringt: mehr Technik wie CTG oder Ultraschall hat zu mehr Kaiserschnitten geführt. Aber nicht zu weniger Schäden und Todesfällen bei Mutter und Kind. (Die WHO empfiehlt Kaiserschnitte nur, wenn eine natürliche Geburt die Gesundheit oder das Leben von Mutter oder Kind gefährden würde und hält deshalb eine Kaiserschnittrate von maximal 15 Prozent für 'gut'; 30 Prozent sind es in Deutschland). Jeder Eingriff, jedes Medikament kann Nebenwirkungen haben, und das Geburtsgeschehen, das sich in Jahrmillionen zu einem optimal angepassten hormonellen Zusammenspiel zwischen Mutter und Kind entwickelt hat, durcheinander bringen .
30 Prozent Hausgeburten in den Niederlanden
Die WHO möchte deshalb, dass wieder mehr Frauen zu Hause ihre Kinder bekommen. In Deutschland entscheiden sich für solche außerklinischen Geburten, also zu Hause oder im Geburtshaus, rund zwei Prozent der werdenden Mütter. Mehr werden es wohl kaum werden – in den Niederlanden sind es zum Beispiel 30 Prozent.
Denn: Hausgeburten und Geburtshausgeburten werden von freiberuflichen Hebammen begleitet. Diese freiberuflichen Hebammen müssen seit einigen Monaten enorm gestiegene Haftpflichtversicherungen zahlen , manche finden gar keine Versicherung mehr. Viele haben deshalb ihre Arbeit aufgegeben, müssen 'ihren' Schwangeren mittendrin absagen und die verbliebenen Hebammen sind bereits auf Monate im Voraus ausgebucht.
Und es soll noch weiter gehen: Außerklinisch gebären dürfen sollen nur noch Frauen, die jünger sind als 35 sind, niemals eine Ausschabung hatten, Idealgewicht und Normblutdruck und nicht mehr als zehn Tage über Termin sind und denen man in dieser oder in der vorherigen Schwangerschaft keinerlei Unpässlichkeit nachweisen konnte. Außerklinische Geburten begleiten dürfen nur noch Hebammen, die studiert haben und wenn sie ein tragbares MRT-Gerät dabei haben. Wobei letzteres eine Übertreibung von mir ist. Das mit dem Studium allerdings wird ernsthaft diskutiert und dass nur absolute Null-Risiko-Frauen 'genommen' werden, ist bereits Tatsache.
Keine Wahlfreiheit mehr
Lange Rede kurzer Sinn: viele Schwangere, die eigentlich gerne außerklinisch entbinden würden, finden niemanden, der sie dabei begleitet. Mit der Wahlfreiheit des Geburtsortes, worauf eigentlich jeder Mensch ein Recht hat und haben sollte, hat das nicht mehr viel zu tun.
Wer sich dagegen beschweren will, bei der Krankenkasse oder beim Gesundheitsminister persönlich: Der Bund Deutscher Hebammen hat einen Musterbeschwerdebrief vorbereitet, den Sie sich hier herunterladen können.
Geburtshelferinnen sterben aus
Ideal für Gebärende ist eine Begleiterin, die ihnen vertraut ist und ihnen von der ersten Wehe bis zum ersten Anlegen des Babys kompetent und ganz persönlich zur Seite steht. Das ist eine Erkenntnis aus der Recherche für den von mir geschriebenen Text und eine Erkenntnis, die ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann.
Für diesen Idealzustand müssen sich Schwangere eine Hebamme suchen. Eine, die neben Vorsorge und Nachsorge, Gymnastik und Stillberatung, Akupunktur, Babymassage und Breikochkurs auch noch ihr Kerngeschäft betreibt, Geburtshilfe nämlich. Mit dieser Suche muss man rechtzeitig anfangen. Erstens, damit man Zeit hat sich gegenseitig kennen zu lernen und eben miteinander vertraut zu werden. Und zweitens um noch einen „Platz“ zu bekommen. Denn viele dieser Hebammen nehmen nur eine bestimmte Zahl Frauen an – damit sie eben ausreichend viel Zeit und Kraft für jede einzelne haben.
Hebamme zu sein kann man sich fast nicht leisten
Das ist gar nicht so einfach. Auf dem Lande war es schon immer eher schwierig, es wird immer schwerer und könnte bald ganz unmöglich sein: Denn immer mehr solche 'freien' (nicht in einer Klinik angestellten) Hebammen hören auf, Geburtshelferin zu sein; oder fangen nach ihrer Ausbildung gar nicht erst damit an – weil sie sich ihre Berufshaftpflichtversicherung nicht mehr leisten können. Die ist im vergangenen Jahr teilweise um das 30-fache gestiegen, auf mehrere tausend Euro pro Jahr.
Nicht, weil es auf einmal mehr Schadensfälle gibt, wie sich im Versicherungsjargon Kinder nennen, die durch die Umstände ihrer Geburt krank oder behindert sind. Auch nicht, weil alle Eltern meinen, Anspruch auf ein gesundes Kind zu haben, nach den ganzen Folsäuretabletten, der Koffeinabstinenz und den Ultraschallterminen, weil wir mit den Begriffen „guter Hoffnung“ und „Schicksal“ nichts mehr anzufangen wissen und nach einem Schuldigen suchen, wenn unser Kind irgendetwas anderes als „Hauptsache gesund“ ist.
Wird ein Kind zum „Schadensfall“, kann es Millionen kosten
Im Zweifel will einfach unsere Krankenkasse nicht bezahlen für das kranke Kind, und versucht, sich das Geld woanders zu holen: bei der Hebamme – wenn die nicht stichfest beweisen kann, alles richtig gemacht zu haben, nicht womöglich etwas zu viel, zu wenig, zu früh oder zu spät – bzw. bei deren Haftpflichtversicherung. Und weil es nicht nur um Rollstühle, Medikamente und Ergotherapien geht, sondern die Gerichte mehr und mehr den Eltern und dem Neugeborenen auch Schmerzensgeld und lebenslang berechneten Verdienstausfall zusprechen, kommen schnell Millionen zusammen.
Und dann erhöhen eben die Haftpflichtversicherungen ihre Beiträge.
So einfach ist das.
Aber: das Geld muss man erst mal verdienen
Aber schwer für die Hebammen. Sie müssen am 1.Januar gleich ein paar Tausend Euro überweisen, ohne überhaupt schon Geld eingenommen zu haben. Sie müssen im Schnitt zwölf Geburten betreuen, um nur die Haftpflichtversicherung zu bezahlen. Und dann noch eine ganze Menge mehr, um zu essen, das Auto vollzutanken, für ihre Rente etwas zurücklegen, ihren Kindern Schuhe zu kaufen. Viele freie Hebammen geben deshalb ihren nicht ganz unanstrengenden Beruf auf, überlassen die Geburtshilfe dem Schichtsystem von Krankenhäusern und beschränken sich eben auf Vorsorge und Nachsorge, Gymnastik und Stillberatung, Akupunktur, Babymassage und Breikochkurs.
Prinzipiell finde ich das verständlich.
Aber für uns Mütter ist das natürlich Pech.
Dabei sein ist alles
Für das nächste Yango-Heft schreibe ich gerade einen Text übers Kinderkriegen.
Und eines scheint klar zu sein: Ein Mann ist heutzutage dabei, wenn er Vater wird. Und wenn nicht, dann weil er ein Macho ist, ein Drückeberger, ein Weichei oder womöglich jemand, den die eigene Frau nicht dabei haben will. Oder weil er Grippe hat. So oder so, das beste hat er verpasst.
Zusammenhang zwischen Geburtserlebnis und Vaterrolle
Rein statistisch nämlich soll es einen Zusammenhang zwischen dem Erlebnis der Geburt und der Zugewandtheit der Vaterrolle geben.
Aber was heißt schon statistisch.
Konnten Väter früher erst im fußballfähigen Alter etwas mit ihren Kindern anfangen – waren den lieben Kleinen also nicht von Anfang an so zugewandt wie heute – nur weil sie die entscheidenden Stunden in der Kneipe oder bei Schwiegermutter am Kaffeetisch verbracht haben? Oder weil die Vaterrolle damals eben anders definiert war? Und sind Väter heute viel „zugewandter“, weil viel mehr bei der Geburt dabei sind? Oder sind viel mehr bei der Geburt dabei, weil sie eben „zugewandter“ sind?
Es gibt auch statistische Hinweise, dass eine gemeinsam erlebte schöne Geburt die partnerschaftliche Verbindung von Mama und Papa fördert – aber eher nicht Liebe, Sex und Zärtlichkeit. Und oft ist eine Geburt auch nicht so schön wie gedacht: Dann fühlen sich die Männer in ihrer Rolle als „irgendetwas zwischen Zuschauer, Begleiter, Trainer, Coach, Vermittler und Anwalt“ (so steht es im „Papa-Handbuch“) hilflos, und die Frauen fühlen sich im Stich gelassen. Und hinterher gibt es Vorwürfe und Streit.
Früher waren die Männer doch auch dabei
Wissenschaftlich korrekte Aussagen und Empfehlungen lassen sich also nicht treffen und auch der Verweis auf die gute alte Zeit hinkt.
Ja, ganz früher, vor der Zeit der gekachelten Kreißsäle mit Schlachthofatmosphäre, da waren die Männer meistens dabei, das stimmt. Das war halt so, weil die Kinder zu Hause zur Welt kamen.
Aber: erstens hatte der durchschnittliche Mann eine gewisse Praxis vom Ferkeln oder Kalben und ahnte immerhin, was auf ihn zukam. (Während vätergerechte Geburtsvorbereitung heute weder genau definiert ist noch flächendeckend angeboten wird.)
Und zweitens: er war nicht wirklich dabei, sondern mehr drumherum. Beschäftigt damit, Haus, Hof, Vieh, Kind und Kegel zu versorgen und ja, auch damit, heißes Wasser zu kochen. Jedenfalls musste er nicht „Zuschauer, Begleiter, Trainer, Coach, Vermittler und Anwalt“ sein, hatte keine Zeit, alles zu filmen und zu fotografieren und halbstündlich den Stand der Dinge an die werdenden Großeltern zu simsen; keine Muße, die werdende Mutter alle fünf Minuten zu fragen, wie´s ihr ginge, ob sie ein bisschen trinken oder essen möchte und wenn ja was; welchen Massagegriff sie wünsche. Und ob sie sich erinnern könne, wie der noch gleich ging.
Mehr Informationen für werdende Väter, ob sie nun 'dabei' sein wollen und werden oder nicht, gibt’s unter:
http://www.urbia.de/magazin/schwangerschaft/geburt/special-werdende-vaeter-bei-der-geburt
http://www.vaeter-nrw.de/
http://www.ichbinpapa.de
und in den Papa-Handbüchern, die bei Gräfe und Unzer erschienen sind: „Das Papa-Handbuch“ für Schwangerschaft, Geburt und das erste Jahr zu dritt, von Robert Richter und Eberhard Schäfer (14,99 EUR, 2005)
„Das Papa-Handbuch für Kinder ab 3“ von Peter Ballnik (14,99 EUR, 2010)

