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Alles nur Theorie...
Apr '11
15:19 Uhr
01

Bratensoße aus Büchern

„Die 20 besten Bücher für die Entwicklung Ihres Kindes“, die können Sie heute in der aktuellen Ausgabe von Yango gewinnen (link). Wie das wohl geht, aus zehntausenden existierenden Kinderbüchern die zwanzig besten herauszusuchen? Das habe ich mich gefragt; und nicht nur mich, sondern auch den Club Bertelsmann. Der hat zusammen mit der Leseforscherin Bettina Hurrelmann diese 20 Bücher für Kinder zwischen null und acht zusammengestellt und sie „Edition mit Büchern wachsen“ genannt.

Auswahl ist ein komplexer Prozess

Und das war die Antwort: Man habe sich an den neuesten Kriterien der Leseförderungs-Forschung orientiert. Es mussten also rein: Bücher mit Reimen, Bildwörterbücher, Wimmelbücher, Bücher mit Klappen und Schiebern und mit Pop-Ups – weil das alles den Sprachsinn, Motorik und die Freude an Büchern fördert. Es mussten rein: Bücher mit Liedern, Versen und Fingerspielen für die Musikalität, Märchen-Bücher, weil sie einfach schön sind, Bücher mit längeren Geschichten zum Vorlesen – für die Ausdauer. Und: Geschichten, in denen einzelne Wörter durch Bilder ersetzt sind, damit das Kind anfangen kann „aktiv selber am Vorlesen teilzunehmen“. Auch Bücher für die ganz Kleinen sollten dabei sein. Und weil so ein Baby noch nicht wirklich lesen will, sondern fummeln und lutschen, braucht es Bücher, an denen es fummeln und lutschen kann.

Erstens.

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Und zweitens habe man dann mit der vorhandenen langjährigen Erfahrung die Bücher genommen, die Kindern halt gefallen. Insgesamt sei die Auswahl „ein komplexer Prozess“ gewesen.

Wo ist die Raupe Nimmersatt?

Kann ich mir vorstellen. Vor allem, weil es pro Kategorie sicherlich viele Kandidaten gab, die sowohl pädagogisch wertvoll sind als auch beliebt. Und dann? Haben sie wohl ihren persönlichen Favoriten genommen, nehme ich mal an. So hätte ich es jedenfalls gemacht. Und dann wäre auch „Die kleine Raupe Nimmersatt“ (Eric Carle, Gerstenberg, ab 4,95 €) dabei; das war schon mein Lieblingsbuch, als ich noch Kindergartenkind war. Es hat Löcher zum Fummeln, einprägsamen Verse und Farben, Zahlen, Menge und Dinge zum kennenlernen und benennen . Unbedingt dabei wäre auch „Pony, Bär und Apfelbaum“ von Sigrid Heuck (Thienemann, 11,90 €). Hier sind Wörter durch Bilder ersetzt, es gibt mehreren Folgen und auch die Variante „Pony, Bear and Apple Tree“; für alle die ihr Kind nicht nur ans Vorlesen, sondern auch noch an fremde Vokabeln heranführen wollen. „Henriette Bimmelbahn und ihre Freunde“ (Boje, 15,00 €) gehörte ebenfalls zu meiner Bestenliste; James Krüss lässt die pfeifen, bimmeln, rattern, knattern, dampfen, fauchen, ruckeln, zuckeln, klapper und plappern und und und – so fördern auch Eltern noch ihren Sprachsinn. Was noch? Ach ja, ein Fühlbuch. Da gibt es nur einen Favoriten; und zwar das, welches meine Freundin ihrem ersten Kind selber genäht hat: mit einer Knöpfe-Landschaft zum fummeln und mit einer Wäscheleine voll kleiner Kleidchen zum Hinundherschieben. Und das aufgenähte Sofa hatte das gleiche Muster wie das echte bei ihnen im Wohnzimmer. Dagegen kommt kein Plüschentchen-Fühlbuch an. Meine Versuche, meinen Kindern etwas Ähnliches zu nähen, leider auch nichts. Aber für mein Baby Nummer vier habe ich eines gefunden, dass wenigstens aussieht wie selbstgemacht, das „Babyglück-Kuschelbuch“ von Spiegelburg (19,95 €): weißblau-kariert und mit bunten, aber nicht blindmachenden Applikationen und nicht niedlich, sondern nett.

Okay, so weit. Aber welche aus unseren zwei Regalmeter Bilder- und Vorlesebücher würde ich noch nehmen? Michel oder Pippi? Conni oder Huckleberry Finn? Die Barbapapas, Jim Knopf oder den kleinen König? Welches Lexikon? Das über Planeten, über Piraten, über Dinosaurier oder das über Bauernhoftiere? Welches von den vier Liederbüchern? Oder gar keins, sondern den Ordner aus der Kita, weil da nur Lieder drin sind, die auch jemand singen kann.....

Bratensoße aus Büchern

Außerdem: es kommen ja immer wieder neue Bücher heraus! „Der Kackofant“ zum Beispiel, siehe vorletzte Woche (link) oder: „Die Autowerkstatt“ (Christophe Merlin, Gerstenberg, 13,95 €). Die lässt sich aufklappen bis auf DIN A2, hat noch mal Klappen in den Klappen und ist super für die Jungs.

Ein komplexer Prozess, diese Buchauswahl, wohl war. Man müsste sich ein Regalfach nehmen und immer, wenn ein neues rein soll, dann muss ein altes dafür raus. So würde die beste Bücherauswahl mit der Zeit immer konzentrierter, immer besser werden. Wie eine gute Bratensoße.

Was wären denn Ihre Zutaten dazu?

Feb '11
14:26 Uhr
26

Von der Kaulquappe zum Tyrannen

Früher meinte man, auf dem Weg von der befruchteten Eizelle bis zum fertigen Baby rekapituliere jeder Mensch noch einmal den Weg der Evolution: von der Amphibie zur Krone der Schöpfung. „Biogenetische Grundregel“ nannte sich das. Die Regel ist zwar nur eine Theorie und mit ihren bald 150 Jahren auch ein bisschen veraltet. Aber wer es nicht so eng sieht, kann tatsächlich charmante Parallelen entdecken: Ein Wasserwesen ist das Kind zunächst, klein und schwerelos schwappt es hin und her im Bauch der Mutter und sieht mal aus wie eine Qualle, mal wie ein Reptil mit Schwänzchen.

Kaulquappe

Das Reptil wird zum Römer.....

Und man kann diese Geschichte weiterspinnen, wie ich vor einiger Zeit in einem Text des Zeit-Kolumnisten Harald Martenstein las: Der schrieb, dass nach der Geburt das Baby die verschiedenen historischen Epochen durchläuft: „Es fängt als Neandertaler an, der grunzt und schmutzt und immer nur an die nächste Mahlzeit denkt. Dann wird das Kind zum Römer, es errichtet aus seinen Klötzchen großartige Bauwerke, es liebt den Zirkus und die Bäder, versklavt alle die in der Nähe sind, hat eine Tendenz zur Grausamkeit und erweitert ununterbrochen das Imperium. In der dritten Phase ist das Kind Seefahrer und Entdecker, 16. Jahrhundert. Es lernt die Wissenschaften kennen, hat klare Vorstellungen, wie alles zu laufen hat und kann in Weltanschauungsfragen extrem intolerant sein.“

...und der Römer irgendwann zum Mensch

Eine schöne Vorstellung finde ich das: alles ist nur eine Phase und irgendwann ist das Kind  da, wo wir Eltern es uns wünschen. Im 21. Jahrhundert nämlich: tolerant, friedlich, freundlich, gelassen, klar und umgänglich. Und zwar von ganz alleine.  Ohne dass wir Eltern unbedingt tolerante, friedliche, freundliche, gelassene, klare und umgängliche Vorbilder sein müssen. Oder zu heiligen Inquisitoren werden müssen, um mit  Konsequenz und Elternführerschein, mit stillem Stuhl und strengen Worten zu verhindern, dass die lieben Kleinen auf der Tyrannen-Stufe steckenbleiben.

Feb '11
15:09 Uhr
03

Ich hasse es, nachts aufzustehen

Bei der Zeitschrift Ökotest gibt es ein neues Heft, „Kinder, Kinder“ heißt es. Es ist der monatlichen Ausgabe beigelegt und zum Herausnehmen und Sammeln gedacht. Unter anderem gibt es die Rubrik „Jein“, in der zwei Eltern ihre zwei  unterschiedlichen Meinungen zu einem Thema rund um Kinder und Familie darstellen.

Kinder, Kinder

Darf das Kind ins Ehebett?

In der ersten Ausgabe vor ein paar Wochen ging es ums Thema: „Darf das Kind mit ins Ehebett?“ Ja, schrieb die Pro-Frau, so werde das Urvertrauen gestärkt nach neun Monaten im Bauch braucht so ein Baby schließlich auch hier auf der Erde noch ein bisschen Nähe und Wärme und Geborgenheit. Die Contra-Eltern waren der Meinung, dass die Kinder auf keinen Fall im Ehebett schlafen sollen; ihr Erziehungsziel sei es, keine emotionale Abhängigkeit zu schaffen und Kinder seien schließlich keine Kuscheltiere. Dazu gab es dann in der aktuellen Ausgabe einen Leserbrief, dessen Absenderin sich voller Mitleid für die Kinder der Contra-Familie noch mal deutlich für das „Familienbett“  aussprach: Kinder würden gerade durch Geborgenheit selbständig und unabhängig. Und auch im Internet wird das Thema weiter diskutiert: Babys seien halt einfach emotional abhängig, wenn sie zur Welt kommen, da brauche man gar nichts zu schaffen und dem müsse man eben entsprechen, auch nachts. Oder: jedes Kind hat verschiedene Bedürfnisse, dass eine braucht mehr Nähe und das andere will seine Ruhe, und danach müsse man sich richten als Eltern.

Oder braucht es ein Beistellbettchen?

Es wurde auch auf die Möglichkeit eines Beistellbettchens verwiesen: das ist ein an der Seite aufgeschnittenes Gitterbett, das an die elterliche Matratze  angerückt wird – der ideale Kompromiss ist zwischen Babys eigenem Bett und Ehebett. (Kostet ab 150 Euro aufwärts und hält ein paar Monate; damit  werdende Eltern deswegen nicht zurückschrecken vor der Anschaffung, kann man es laut Hersteller hinterher umbauen zum Kindertischchen, Spieltisch, Schreibtisch, zur Sitzbank oder zum Hochstuhl. Ich kenne allerdings niemanden, der so ein Beistellbettchen-Hochstuhl oder ähnliches in Gebrauch hat....)

Noch niemand erwähnte das – wie  ich finde  sehr plausible – Argument, dass seit ewigen Zeiten Eltern und Kinder in einem Bett geschlafen haben und es  fast überall auf der Welt immer noch tun. Weil sie mehr Platz nicht hatten und haben, vermute ich mal. Dass das irgendwie zu klappen scheint ohne seelische und körperliche Schäden für irgendeinen der Beteiligten und dass man sich vielleicht gar nicht so viel Gedanken müsste. Aber natürlich macht man sich Gedanken, weil wir hier in Deutschland im 21. Jahrhundert genug Platz haben und eben auch ausreichend Pro-und-Contra-Argumente.

Im Endeffekt geht es um MEINEN Schlaf  

Auch wir haben uns Gedanken gemacht und uns entschieden, dass die Babys bei uns im Bett schlafen. Das wird auch das neue Baby tun – bis es nachts nicht mehr trinkt und alt genug ist, um bei schlechten Träumen selber zu uns Eltern zu dackeln. Und zwar aus einem einzigen Grund: Ich hasse es, nachts aufzustehen. Für mich ist es der pure Horror, drei mal in der Nacht nach den Puschen zu angeln, durchs Dunkle zu tapern, das Baby aus dem Bettchen zu hieven, mich in einen Sessel zu setzen und es zu füttern – und dabei krampfhaft wach bleiben zu müssen, damit ich das Kleine nach dem Stillen wieder ordnungsgemäß in sein Bett legen und dann zurück in mein eigenes schlurfen kann.
Nein. Kind anlegen, wenn es quäkt – und alle schlafen weiter. Fertig.
Der Wecker klingelt früh genug.

Jan '11
12:49 Uhr
27

Kater Rudi und das neue Kind

Wir bekommen bald unser viertes Kind. Darüber, wie ich es  schaffe, das Baby zu füttern und gleichzeitig dem älteren Kind einen Apfel zu schälen, mache ich mir keine Sorgen mehr.  Millionen, Milliarden Menschen versorgen mehr als ein Kind gleichzeitig, das soll wohl zu schaffen sein.

 

Kind mit Katze

Geschwistervorbereitung ist Geschäftemacherei

Jedenfalls habe ich „Geschäftemacherei“ gedacht und gleich weitergeklickt, als ich im Netz über  „Kursnachmittage für werdende Geschwister“ gestolpert bin. Das ist natürlich gehässig, denn als ich mit unserem zweiten Kind schwanger war, habe ich mir natürlich Gedanken gemacht: wie kann man die ersten Wochen und Monate ohne Eifersuchtsattacken und blutige Zwischenfälle überstehen? Wie werden aus Brüderchen und Schwesterchen keine Rivalen um die Elternliebe, sondern Freunde fürs Leben? Denn  Geschwister hat man schließlich sein Leben lang, auch dann noch, wenn Mama und Papa längst im Pflegeheim sind und die Ehen wieder geschieden. Ich habe Bücher über Geschwisterliebe gelesen und über Geschwisterhass und sogar selber einen Text über das Thema geschrieben.

Allerdings ist jetzt beim vierten Kind etwas anders als beim zweiten und dritten:  wir haben einen Kater. Der hat zwar labaradormäßige Geduld mit unseren Kindern und faucht und spuckt auch nicht, wenn sie ihn am Schwanz durch den Garten tragen.

Aber: wie ist das mit Haustieren?

Nur: was wird er zu dem Baby sagen?

Auch eine Katze kann, soll und muss man vorbereiten, habe ich herausgefunden. Wenn ich mag, so empfehlen Katzen-Fachleute, könne ich meinen Kater oft auf dem Babybauch sitzen, schnurren und mitbrüten lassen; so könnte er mit dem Baby schon mal Kontakt aufnehmen und umgekehrt.  Andererseits soll ich mich schon während der Schwangerschaft weniger mit ihm beschäftigen, eher im Vorbeigehen mit ihm reden und ihn seltener auf den Arm nehmen. Denn genauso wird es sein, wenn das Baby erst mal da ist und dann kennt er diese Vernachlässigung schon. Und wird dieses „negative Erlebnis nicht mit dem Baby verbinden“, so sagte man mir. Und womöglich eifersüchtig werden und  Tische und Stühle und Tapeten zerkratzen oder auf den Teppich pinkeln.

 
Soll eine Katze nicht mehr ins Schlafzimmer oder ins künftige Kinderzimmer dürfen, wenn das Baby da ist, dann sollte man sie spätestens ab Mitte der Schwangerschaft daran gewöhnen. Damit sie, genau, dieses negative Erlebnis nicht mit dem Baby verbindet und fortan auf den Teppich pinkelt.

Dosierte Vernachlässigung und Geruchsproben

Bevor das Baby nach Hause kommt, sollen wir Kater Rudi einen benutzten Strampler  mitbringen, damit er sich schon mal an den Geruch des Babys gewöhnen kann. Und wenn das Baby dann kommt, sollten sich die beiden in echt beschnuppern dürfen. Wir  werden Rudi also noch mal gründlich beim Tierarzt untersuchen, entwurmen und impfen lassen – damit wir uns um Gesundheitsfragen keine Sorgen zu machen brauchen. Denn, auch das sagen die Fachleute: Herrchen, Frauchen, Mama und Papa müssen ruhig und sicher bleiben bei dieser ersten Kontaktaufnahme: Ängstlichkeit würde sich auf das Tier und natürlich auch auf das Baby übertragen – und das wäre dann wieder ein negatives Erlebnis.

Millionen Menschen haben es vor mir geschafft

Ansonsten habe ich beschlossen, mich an meinen eigenen Rat zu halten: Millionen, Milliarden Menschen versorgen nicht nur mehrere Kinder gleichzeitig, sondern auch gleichzeitig Haustiere und Kinder – das werde ich dann wohl auch schaffen. Und statt Kater Rudi aufs Baby einzustimmen, kümmere ich mich um das, was meiner Erfahrung nach wirklich hilft in der ersten Zeit mit einem Neugeborenen: vorgekochtes Essen im Gefrierfach zu haben. 

Nov '10
17:24 Uhr
19

Warum ich Wimmelbücher hasse

Bücher ohne Wörter sind gut, um Geschichtenerzählen zu üben. Das habe ich in der vorletzten Woche geschrieben. Bücher ohne Wörter, da ist man natürlich schnell bei Wimmelbüchern. Und jetzt sage ich Ihnen, warum ich Wimmelbücher hasse. Weil sie ein Format haben, das bei keinem Bücherregal vorgesehen ist. Weil nichts anderes zu entdecken ist, als dass, was ich und die Kinder entdecken würden, würden wir in den Zoo, zum Marktplatz oder auf einen Bauernhof gehen – statt auf dem Boden zu liegen und uns stundenlang Zoo-Bauernhof-Marktplatz-Wimmelbücher anzuschauen.

Wirklichkeit statt Wimmelbuchwelt                   

Nein, wir würden sogar mehr entdecken, meine ich. Die Wirklichkeit nämlich und nicht die lieb gezeichnete und politisch korrekte Wimmelbuchwelt, mit glücklichen Kühen, mit BaggerführerInnen, Kindern im Rollstuhl und mit gut integrierten Einwanderern aller Hautfarben. In Wirklichkeit würde ich meine Kindern nicht anlächeln und sagen, „Ja, der ist wirklich sehr dick“, wenn sie auf einen Mann zeigen und „Guck mal, ist der dick“ sagen. Sondern „Psst, bist du wohl leise, das sagt man nicht, das ist unhöflich, dann wird er traurig“. Oder irgendetwas in der Art. Mein größerer Sohn würde fragen „Waruhum?“ und ich wäre mittendrin in einer schönen Diskussion über die sozialen und gesundheitlichen Aspekte von Dicksein und Diskriminierung. Und das in aller Öffentlichkeit, und untermalt von fröhlichen „Dickmops, Dickmops“-Rufen des Kleinen.

 
Stundenlange Beschäftigung – das geht auch anders                 
Wimmelbuch

Mit Wimmelbüchern können sich Kinder stundenlang beschäftigen, das hört man oft. Und das ist ein Argument, dem ich mich nicht verschließe. Denn ehrlich gesagt, was ist schöner als stundenlang beschäftigte Kinder? Zum Glück gibt es wimmelähnliche Bücher, in denen es mehr zu entdecken, zu suchen und zu finden gibt als immer nur wieder den gleichen kleinen Hund.

Zum Beispiel diese:

Tatu und Patu und ihre verrückten Maschinen“ von Sami Toivonen. Die zwei etwas kantigen Geschwister Tatu und Patu erfinden auf jeder Seite eine neue praktische Maschine für den Kinder-Alltag: einen Pizza-Ekel-Zutaten-Entferner zum Beispiel, eine Pfützenbohrmaschine, oder die Guten-Morgen-Maschine, von der man sich vom Aufwachen bis zum Frühstück fertigmachen lassen und dabei verschiedene Programme wählen kann. Das Buch wird ab 4 Jahre empfohlen, aber auch unser Zweijähriger liebt „Tattutattupattu“ – weswegen mehrere Seitenteile fehlen. Was nicht gar so schlimm ist, weil es mittlerweile einen zweiten Teil gibt: „Tatu und Patu und ihr verrücktes Gutenachtbuch“. Beide Bände kosten 12,90 €und sind Thienemann-Verlag erschienen.

Ich sehe was, was du nicht siehst“ von Joan Steiner, Thomas Lindley und Nina Schindler. Der Untertitel „Entdecke 1000 verborgene Alltagsgegenstände“ sagt eigentlich schon alles: die auf den ersten Blick durchaus wimmelbuchähnlichen Landschaften – eine Bahnhofshalle, ein Spielplatz, ein Geschäft zum Beispiel – bestehen auf den zweiten Blick, dritten, zehnten Blick aus roten Bohnen, Knäckebrot und Schaumzuckereiern; die Räder der Lokomotive sind aus Konservendosen und Kronkorken, die Schienen aus Antennen und Zimtstangen.

 

Es gibt weitere Bände dieser Reihe, erschienen im Esslinger-Verlag für je 12,90 €; als Lesealter werden 3 bis 5 Jahre empfohlen. Aber auch Grundschulkinder, die gewöhnt sind „zu forschen“, setzen sich gerne mal wieder hin: suchen, zählen, notieren und vergleichen ihr „Protokoll“ mit den Lösungen im Anhang.

Ich finde was“ von Walter Wick. Hier sind Fotos von Städten, Marktplätzen, Schaufenster, Waldszenen mit tausenderlei kleinen Details gespickt: Glasperlen, Schrauben, altes Spielzeug, Roboterteile, Bonbons und Süßigkeiten, auf den ersten Blick ein Haufen, auf den zweiten absolut durchdacht arrangiert. Dazu gibt es kleine Such- und Rechenaufgaben. Erschienen im Kosmos-Verlag für 12,95 €; es wird empfohlen für 5-jährige, aber ruckzuck sind auch Größere und Kleinere vertieft in die Suche.

 

Ähnlich ist die Reihe: „Ich sehe was“, ebenfalls im Kosmos-Verlag, ebenfalls für 12,95 pro Buch.

Kunst aufräumen“ von Ursus Wehrli, ist 2004 im Kein und Aber-Verlag erschienen und kostet 7,90 €; Es ist zwar eigentlich kein Kinderbuch, sondern ein Kunstbuch und zwar hat sich der Autor berühmte Kunstwerke vorgenommen und sortiert: aus Paul Klees „Farbtafel“ zum Beispiel – ein Bild mit lauter bunten Quadraten – hat er ordentliche, farblich sortierte Stapel gemacht. Oder in Van Goghs „Schlafzimmer“ aufgeräumt: wie, das sieht man auf der nächsten Seite: all die Gegenstände an den Wänden, Tischchen sind einfach unters Bett geschoben.

 

Naturführer, Tierlexika – und zwar ganz normale aus dem Erwachsenenregal, durchaus vom Flohmarkt; Hauptsache sie stecken voller Schmetterlinge Vögel, Frösche und Molche und Schlangen. Extra „Kindgerechtes“ für „junge Tierfans“ oder „kleine Naturfreunde“ braucht Kinder eigentlich nicht; solche Bücher sind oft biologisch oberflächlich und ziemlich dünn. Ausnahme: „Bsss –die ganze Welt der Insekten“, „Blubb – Leben unter Wasser“, „Piep – die ganze Welt der Vögel“ (erschienen bei Dorling-Kindersley für jeweils 19,95 Euro).

Nov '10
17:57 Uhr
12

Der heilige Martin haut einfach ab!

Wenn ich einen Obdachlosen in der Fußgängerzone sitzen sehe, und zwar so einen richtigen „armen Mann“, wie in einem der Sankt-Martins-Lieder, keinen Akkordeonspieler oder Zeitungsverkäufer, dann denke ich: „Der Ärmste, hockt hier bei dem Sauwetter hier auf der Erde.“ Oder: „Dem muss das Schicksal ganz schön mitgespielt haben, dass er so sein Leben verbringt.“ Oder: „Na ja, leicht hat es keiner und jeder kann doch heutzutage was machen aus seinem Leben. Man muss nur wollen.“

Eigentlich denke ich alles gleichzeitig und überlege dann, ob ich einen Euro gebe.

Bettler
Was ist schon ein Euro?

Ich meine, was ist schon ein Euro? Einen Euro bekommt meine Tochter jede Woche an Taschengeld. Und dann denke ich: Genau, was ist schon ein Euro – zum Beispiel verglichen mit den 149,90, die ich gerade für warme Schuhe ausgegeben haben? Sollte ich dem Bettler nicht besser die Stiefel geben? Andererseits, das wäre doch ziemlich übertrieben. Ich bin doch nicht Schuld, dass es mir gut geht. Ich könnte der Obdachlosenhilfe etwas spenden....

Wenn ich Glück habe, klingelt in diese Überlegungen hinein das Handy oder ein Kind quengelt oder im Schaufenster gegenüber gibt es was zu sehen. Und ich kann vorbeimarschieren, an dem armen Mann. Und zwar so, dass es so aussieht, als hätte ich ihn gar nicht gesehen. Dann braucht´s mir nicht peinlich zu sein, dass ich keinen Euro gebe. Ist es aber.....

Dem heiligen Martin ging es auch nicht anders

Vorgestern, auf dem Martinsumzug habe ich beschlossen, dass alles anders wird. Wäre ich spirituell veranlagt, würde ich sagen, ich hatte eine Erleuchtung. Ich vermute eher, es lag daran, dass wir dicht genug hinter dem Vorsänger mit dem Kassettenrekorder marschiert sind. So dass ich seit langem mal wieder das Lied „St. Martin, St. Martin“ von Anfang bis zum Ende hören und verstehen konnte.

In der dritten Strophe schneidet Martin seinen Mantel durch und dann heißt es:

St. Martin gibt den halben still,
der Bettler rasch ihm danken will.
St. Martin aber ritt in Eil
hinweg mit seinem Mantelteil“

Der heilige Martin haut einfach ab! Auch ihm war wohl dieses komische Gefühl aus Mitleid, Abwehr, Schuldgefühlen und Peinlichkeit nicht fremd. Auch er wollte dem wohl schnell aus dem Weg gehen. Aber: das ist egal. Es ist egal, ob man sich als guter Mensch fühlt mit dem guten Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Wichtig ist, dass man was macht – das habe ich jedenfalls für mich beschlossen. Immerhin erscheint Gott dem heiligen Martin im Traum, mit dem halben Mantel über der Schulter.

Der spricht: "Hab Dank, du Reitersmann,
für das, was du an mir getan.“

Also: komische Gefühle ignorieren und helfen. Das habe ich mir für die Zukunft vorgenommen; auch als Vorbild für meine Kinder. All die pädagogischen Einheiten, die sie zum Sankt Martinstag rund ums Thema Teilen in Schule, Kita und Kindergottesdienst absolviert haben, sollen ja nicht nur Theorie bleiben.

Echten Bettlern soll man nichts geben

Gerade vorhin war schon die erste Gelegenheit. Ich bleibe stehen; sage: „Schau, da sitzt ein armer Mann, genauso wie beim Martinsumzug. Der hat kein Geld und dem geben wir jetzt etwas.“ Und das Kind antwortet : „Das ist doch ein echter  Bettler, Mama, dem soll man nichts geben....“

Tja. Was sag ich da?

Nov '10
16:55 Uhr
05

Gutenberg ist schuld!

Kind mit Büchern

Gutenberg sei Dank, dass es so viele schöne bezahlbare Bücher gibt.

Kinder brauchen Bücher und daran kann man sie nicht früh genug gewöhnen“– das ist eine Erkenntnis aus dem Text, an dem ich gerade arbeite und der in der nächsten Ausgabe von Yango erscheinen soll. Sonst würden sie nur noch fernsehen und immer dümmer werden und mit ihnen die ganze Menschheit auch, so lauten grob zusammengefasst die Befürchtungen. Was wohl los war, als Gutenberg den Buchdruck erfunden hatte und Bücher langsam aber stetig zu Massenmedienwurden? „Alle werden nur noch lesen“, hieß es wohl. „Bald wird keiner mehr erzählen können oder sich etwas ausdenken oder merken.“

Eine Geschichte erzählen müssen – oje!

Und so ist es ja auch gekommen. Für viele Eltern gibt es fast nichts Schlimmeres, als gefragt zu werden: „Erzählst du mir eine Geschichte?“

„Oh Gott, mir fällt nicht sein. Schon gar nichts, was mit Pippi Langstrumpf und den ganzen Rittergeschichten mithalten könnte. Und außerdem ist das doch peinlich“. Das denke ich natürlich nur. Und sage: „Soll ich dir nicht was Schönes vorlesen?“

Dashabe ich gedacht und gesagt, muss es eigentlich heißen: denn, wie es Eltern so geht, irgendwann ist einem nichts mehr peinlich; und wenn es gar nicht anders geht – zum Beispiel, als wir in der holländischen Ferienwohnung eintrafen und feststellten, dass die Tasche mit den Büchern und Hörspielen zu Hause geblieben war – dann erzähle ich eben Geschichten. Mit vielen „und-danns“ und „ähs“ zwar, und wenig originell nur über unsere Erlebnisse vomTag, getarnt als ‚Abenteuer‘ der drei Geschwister Franz, Franzine und Fränzchen.

Übung macht den Meister

Zurück zu Hause habe ich mich ein bisschen schlau gemacht und festgestellt: Für den Anfang war das schon ganz richtig. Eigene Erlebnisse lebendig werden lassen, aus dem Alltag oder der eigenen Kindheit, das empfehlen Profi-Erzähler für den Einstieg. Oder einen Gegenstand zunehmen, ein Bild, ein Foto oder ein paar schöne Wörter und drumherum zu erzählen. Auch „und dann und dann und dann“ ist absolut okay. Reihenerzählungen nennen die Profis das. Und wichtiger als dramatische Wendungen, verschiedene Handlungsfäden oder phantasievolle Hauptfiguren sei es, mit Stimme und Körpereinsatz zu erzählen: mal lauter, mal leiser, mal langsamer, mal schnell. Pausen machen, wenn es spannend wird und für verschiedene Figuren verschiedene Stimmen ausprobieren.

Erzählen lernen durchs Vorlesen

Schwieriger als ein Thema zu suchen finde ich nach wie vor, mit hinreichender Schnelligkeit Worte zu finden. Was so schlimm nicht ist, aber man hat man ja auch mal Übernachtungsbesuch, und da möchte man nicht alle drei Minuten sagen: „Äh, lasst mich mal überlegen, wie es weitergeht“. Sondern einen gewissen Eindruck machen. Ich jedenfalls. Deswegen übe ich das. Und zwar beim Vorlesen. (Gutenberg sei Dank, dass es so viele schöne bezahlbare Bücher gibt.) Indem ich eben nicht lese, sondern erzähle, was da passiert. Am besten sind da Bücher, die nur wenig Text haben, aber viel Inhalt. Zum Beispiel die Barbapappa-Geschichten: auf jeder Seite ist so viel zusehen, da kann man sich einfach nicht nur auf die gedruckten Worte beschränken.

Oder ich nehme Bücher ganz ohne Text. Was den Vorteil hat, dass mich dann auch meine leseeifrige Zweitklässlerin nicht immer zurechtweist, das stünde da ja gar nicht, sondern ganz anders.

Und mittlerweile gibt es sogar extra Bücher mit Bildern und Geschichten zum Weitererzählen. Zum Beispiel „Wie geht´s weiter?“ Auf jeder Seite stehen nur zwei, drei Sätze: „Einmal flog eine Schnecke über das Meer. Es dauerte nicht lange und sie entdeckte eine seltsame Insel.....“. Und schon geht´s irgendwie weiter.

Oder?

Buchtipps:

→ „EinTag mit Familie Barbapapa“ von Talus Taylor, ist 2010 imAtlantis-Verlag erschienen und kostet 9,50 €; ab 2 Jahre.

→  „GuteReise, kleiner Fisch: Eine Geschichte ohne Worte“ von Bruno Gibert,ist 2010 im aracari-Verlag erschienen und kostet 12,90 €; ab 3Jahre.

→ „Wiegeht es weiter ?“ von AndreasRöckener , ist 2010 im Moritz-Verlag erschienen undkostet 13,95 €; ab 5 Jahre.

Wissenschaft im Alltagstest

von: Sigrid Tinz

Diskutieren Sie mit Sigrid Tinz über ihren Alltag als Mutter und Wissenschaftsjournalistin.

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