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Tief im Liederbücherwald
So zwei bis drei Liederbücher gibt es als Geburtsgeschenk pro Kind, das hat meine private Statistik ergeben. Diesmal haben wir unter anderem „Volkslieder“ (Reclam / Carus, 24,90 €) geschenkt bekommen. Insgesamt ganz nett aufgemacht, doch. Die Illustrationen sind künstlerisch wertvoll, eröffnen laut Klappentext „einen neuen Blick auf unsere alten Lieder“. (Zum Beispiel hat das Vöglein kein Brieflein im Schnabel, sondern einen Air-Mail-Stempel auf den Federn.) Mit CD, gesungen von „namhaften Arrangeuren“. Und überhaupt, zahlreiche Studien hätten in den vergangenen Jahren auf „die Bedeutung des Musizierens für die kognitive, soziale und psychische Entwicklung von Kindern“ hingewiesen.
Aber...
Ich habe keine Ahnung von Musik
Erstmal: ich habe wenig Ahnung von Musik. Ich kann Musikstile und Epochen nur grob auseinanderhalten und ich kann keine Noten. Aus mir ist trotzdem was geworden. Und ich glaube zwar, dass Musik stark, schlau und schön macht. Aber nur auch und nicht eigentlich. (Genauso wenig wie wir nur lachen, weil es gesund ist.) In erster Linie macht Musik nämlich Spaß und Freude – und dazu muss sie einem gefallen. Dies ist mein musikalisches Weltbild, mit dem ich möglicherweise das Bemühen des Volkslieder-Buches, das Teil eines ganzen deutschlandweiten Projektes (mehr darüber unter www.liederprojekt.org ) ist, nicht richtig zu würdigen weiß. Jedenfalls, die Tonlage auf der CD ist in meinen laienhaften Ohren sehr hoch und kieksig, es ist anstrengend, zuzuhören. Auch weil in den Texten ein Haufen Dinge vorkommt, die meine Kinder erklärt haben wollen: Was ist ein 'Erntetanz'? Wer ist 'Feinsliebchen'? Was ist 'freien', was 'Burschenlust'? Gegen das Erklären an sich habe ich gar nichts. Nur, dass ich jedes Mal anfangen muss mit „Früher, also früher, war das so...“ .
Lieder wie aufgespießte Insekten
Also insgesamt hat es mir nicht so gut gefallen. Das tut mir leid. Besonders für die armen Volkslieder. Die waren bestimmt früher, so im 16., 17., 18., 19. Jahrhundert, mal richtige Schützenfesthits, gingen ans Herz und in die Beine. Die können ja auch nichts dafür, dass eifrige Gelehrte sie irgendwann einfach niedergeschrieben haben, und sie in ihren Sammlungen bewahren wie aufgespießte Schmetterlinge. Dort müssen sie bleiben, eingesperrt bis in alle Ewigkeit, und es wird nur noch darüber diskutiert, ob es „Schwänzchen“ oder „Schwänzlein“ heißt. Oder „Schwänzelein“. (Bloß gut, das die alten Germanen noch nicht schreiben und lesen konnten und auch den Buchdruck noch nicht erfunden hatten. Was sonst so alles im Volksliederbuch stünde - denken Sie mal drüber nach.) Wären die Volkslieder noch frei, dann hätten sie sich vielleicht verändert mit dem Volk und seinem Leben. Genau weiß ich das natürlich nicht, ich bin weder Musik- noch Sprach- noch Kulturwissenschaftlerin. Nur Mutter. Aber: ich stelle mir vor, wenn der Bauer nicht mehr im Märzen die Rösslein anspannen würde, sondern wenn er mit dem 12-furchigen Aufsatteldrehpflug vor seinem Claas XERION 5000 über den Großraumacker dröhnen würde – meine Jungs würden begeistert mitsingen. Das müsste ihnen keiner großartig und mühsam „nahebringen“.
Liedertest
Der Liedermacher Fredrik Vahle, unter anderem Erfinder von Anne Kaffekanne (wer´s nicht kennt, kann es sich hier anhören: http://www.fredrikvahle.de/download.htm ) hat in einem Interview mit der Elternzeitschrift Nido folgenden Test vorgeschlagen für ein gutes Kinderlied: Eltern sollen Lieder, die ihre Kinder singen, die sie selber aber blöd finden, ein paar Mal mitsingen. Und wenn sie die dann immer noch blöd finden, aus dem Familienrepertoire streichen. Ergebnis bei uns: gestrichen sind nahezu alle Lieder mit Tälern und Höhen, mit Wandersmännern, Brunnen, Brünneles, Mädeles und lieb Schätzeleins. Gestrichen ist auch das meiste von Rolf Zukowsky – der hat mir schon in meiner Grundschulzeit ausreichend die Ohren zugesülzt. Auch gestrichen: all die Allerweltsmusik, die so klingt, als hätte Dieter Bohlen mal schnell das geschrieben, was er sich unter fetziger Kindermucke so vorstellt. Und gestrichen sind alle Kinder-Party-Kracher, bei denen von Kindern und Eltern „Eins, zwei, drei , im Sauseschritt“ „Mitgemacht und mitgeklatscht“ wird – unwillkürlich und gegen ihren Willen.
Tief im Fabelwesenwald
Übrig bleibt in unserem Familienprogramm im Wesentlichen: Ritter Rost.
Wer Ritter Rost kennt – und ich meine richtig kennen, nicht nur davon gehört haben, sondern erlebt haben, wie Kinder zuhören, mitsingen und tanzen und hüpfen und wie sie anderen davon erzählen, wie man selber morgens unter der Dusche einen dieser Ohrwürmer summt und davon gute Laune bekommt – der wird mich verstehen und kann hier aufhören zu lesen.
Für alle anderen: Ritter Rost lebt zusammen mit Burgfräulein Bö und Koks, dem Drachen, tief im Fabelwesenwald auf seiner Burg aus Eisen, Stahl und Zinn und ist „ein Bodybuildungs-Bürger von allererstem Rang“ mit dicken Muskeln und wenig Mut. Von Ritter Rost und seinen Freunden gibt es verschiedene Bücher, Hörspiele und Musicals, die alle eins gemeinsam haben: richtig gute Lieder. Nach meinem Geschmack, dem meiner Kinder und, so weit ich das beurteilen kann, auch nach musikalischen Qualitätsmaßstäben.
Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass man Ritter Rost hören muss, um diese Begeisterung zu verstehen. Und dass man erst nach dem zweiten Hören richtig begeistert ist. (Hörproben gibt es hier.
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Sollte ich also mal wieder Gelegenheit haben, jemandem zur Geburt eines Kindes ein Liederbuch zu schenken, dann nehme ich dies: „Singen mit Ritter Rost“ (terzio, 19,95 €). Da sind die besten Ritter-Rost-Lieder drauf, aber auch alte, neue, internationale Volks- und Kinderlieder. Es gibt zwei Bände, natürlich mit CD – und mit Noten, Begleitakkorden und Playback-Tracks zum Singen und Musizieren.
Und wenn dann nicht mehr der Schwager kommt, hoch auf dem gelben Wagen („Wieso Schwager, Mama?“ „Früher, also, früher....“), sondern „Paolo mit dem Pizzablitze“ - wäre das so schlimm?

