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Alles nur Theorie...
Nov '10
17:57 Uhr
12

Der heilige Martin haut einfach ab!

Wenn ich einen Obdachlosen in der Fußgängerzone sitzen sehe, und zwar so einen richtigen „armen Mann“, wie in einem der Sankt-Martins-Lieder, keinen Akkordeonspieler oder Zeitungsverkäufer, dann denke ich: „Der Ärmste, hockt hier bei dem Sauwetter hier auf der Erde.“ Oder: „Dem muss das Schicksal ganz schön mitgespielt haben, dass er so sein Leben verbringt.“ Oder: „Na ja, leicht hat es keiner und jeder kann doch heutzutage was machen aus seinem Leben. Man muss nur wollen.“

Eigentlich denke ich alles gleichzeitig und überlege dann, ob ich einen Euro gebe.

Bettler
Was ist schon ein Euro?

Ich meine, was ist schon ein Euro? Einen Euro bekommt meine Tochter jede Woche an Taschengeld. Und dann denke ich: Genau, was ist schon ein Euro – zum Beispiel verglichen mit den 149,90, die ich gerade für warme Schuhe ausgegeben haben? Sollte ich dem Bettler nicht besser die Stiefel geben? Andererseits, das wäre doch ziemlich übertrieben. Ich bin doch nicht Schuld, dass es mir gut geht. Ich könnte der Obdachlosenhilfe etwas spenden....

Wenn ich Glück habe, klingelt in diese Überlegungen hinein das Handy oder ein Kind quengelt oder im Schaufenster gegenüber gibt es was zu sehen. Und ich kann vorbeimarschieren, an dem armen Mann. Und zwar so, dass es so aussieht, als hätte ich ihn gar nicht gesehen. Dann braucht´s mir nicht peinlich zu sein, dass ich keinen Euro gebe. Ist es aber.....

Dem heiligen Martin ging es auch nicht anders

Vorgestern, auf dem Martinsumzug habe ich beschlossen, dass alles anders wird. Wäre ich spirituell veranlagt, würde ich sagen, ich hatte eine Erleuchtung. Ich vermute eher, es lag daran, dass wir dicht genug hinter dem Vorsänger mit dem Kassettenrekorder marschiert sind. So dass ich seit langem mal wieder das Lied „St. Martin, St. Martin“ von Anfang bis zum Ende hören und verstehen konnte.

In der dritten Strophe schneidet Martin seinen Mantel durch und dann heißt es:

St. Martin gibt den halben still,
der Bettler rasch ihm danken will.
St. Martin aber ritt in Eil
hinweg mit seinem Mantelteil“

Der heilige Martin haut einfach ab! Auch ihm war wohl dieses komische Gefühl aus Mitleid, Abwehr, Schuldgefühlen und Peinlichkeit nicht fremd. Auch er wollte dem wohl schnell aus dem Weg gehen. Aber: das ist egal. Es ist egal, ob man sich als guter Mensch fühlt mit dem guten Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Wichtig ist, dass man was macht – das habe ich jedenfalls für mich beschlossen. Immerhin erscheint Gott dem heiligen Martin im Traum, mit dem halben Mantel über der Schulter.

Der spricht: "Hab Dank, du Reitersmann,
für das, was du an mir getan.“

Also: komische Gefühle ignorieren und helfen. Das habe ich mir für die Zukunft vorgenommen; auch als Vorbild für meine Kinder. All die pädagogischen Einheiten, die sie zum Sankt Martinstag rund ums Thema Teilen in Schule, Kita und Kindergottesdienst absolviert haben, sollen ja nicht nur Theorie bleiben.

Echten Bettlern soll man nichts geben

Gerade vorhin war schon die erste Gelegenheit. Ich bleibe stehen; sage: „Schau, da sitzt ein armer Mann, genauso wie beim Martinsumzug. Der hat kein Geld und dem geben wir jetzt etwas.“ Und das Kind antwortet : „Das ist doch ein echter  Bettler, Mama, dem soll man nichts geben....“

Tja. Was sag ich da?

Wissenschaft im Alltagstest

von: Sigrid Tinz

Diskutieren Sie mit Sigrid Tinz über ihren Alltag als Mutter und Wissenschaftsjournalistin.

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