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Alles nur Theorie...
Feb '11
11:22 Uhr
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Erzählen ist die halbe Ordnung

Ich übe ab und zu Geschichten erzählen, darüber habe ich schon mal geschrieben . Am vergangenen Wochenende habe ich ein neues Trainingsgebiet erfunden – die Aufräum-Geschichte. Ich sage erfunden, weil ich diese Art der Geschichten noch nicht kannte, bis sie mir eingefallen sind. Möglicherweise sind sie aber auch ein uralter pädagogischer Hut. Dann nichts für ungut.

Jedenfalls kam das so und dazu muss ich ein bisschen weiter ausholen: Es gibt ja diese Redensart „Ordnung ist das halbe Leben“; für manche ist es durchaus ein Lebensmotto und nach deutschem Maßstäben heißt es: Jacken immer gleich aufhängen, keine Wäschekörbe  im Wohnzimmer rumstehen haben, wegen Katzenpfotenspuren auf dem Auto in die Waschstraße fahren oder sich bei den Katzenbesitzern beschweren und die Küche nicht bis zum Abendbrot im Nach-dem-Mittagessen-Zustand lassen.

Ordnung ist zwanghaft

Kinderzimmer

Es gibt Psycho-Fachleute, die sagen, dass jemand, der sein halbes Leben mit Ordnung machen und halten verbringt, nicht einfach ordentlich ist. Sondern zwanghaft und krank. Weil es ihm eigentlich gar nicht um aufgeräumte Regale, sortierte Socken und abgewischten Staub geht. Sondern Sortieren und Wischen macht er nur, um seine generellen  Ängste zu bewältigen: die Ängste vor der unordentlichen, nicht zu kontrollierenden und zu planenden Daseinsform, die sich „Leben“ nennt.

Zum Glück, muss ich da sagen, sind wir sind eine nach deutschen Maßstäben eher unordentliche Familie; wir haben weder Lust noch Zeit, das halbe Leben mit Aufräumen zu verbringen und unser Kater verziert regelmäßig die umstehenden Autos mit Tatzenspuren. Krank sind wir also schon mal nicht. Oder zwanghaft.

Allerdings kann ich mit dem Motto der Gegenseite - „Das Genie beherrscht das Chaos“ auch nicht viel anfangen. Wer sich am Riesendurcheinander auf dem Schreibtisch oder im Kleiderschrank nicht stört, kann das Chaos vielleicht gut aushalten; und wer genau weiß, was wo liegt im Chaos, der hat ein gutes Gedächtnis. Aber ob er deshalb genial ist?

Von der Psychologie zur Physik

So, und jetzt kehren wir von der Psychologie zurück ins Kinderzimmer – und hier scheint beim Thema Ordnung meiner Erfahrung nach Physik mit ins Spiel zu kommen: Lego-Steine, Puppenkleider, Buntstifte und  Apfelschnitze verhalten sich wie Wassermoleküle oder andere frei bewegliche Teile nach den Gesetzen der Thermodynamik und verteilen sich gleichmäßig im zur Verfügung stehenden Raum. Und zwar so gleichmäßig, dass man weder zwanghaft ist noch total ungenial, wenn man ab und zu oder auch regelmäßiger verfügt, das mal wieder aufgeräumt werden müsse.  Also abends oder spätestens wenn Besuch kommt.

Deshalb die Aufräumgeschichte

Nun ist es so, dass der dicke Babybauch mich zunehmend einschränkt; weder kann ich noch selber ordentlich mit anpacken, noch meine Kinder mit roher Gewalt dazu zwingen, meine Aufräumverfügung auch umzusetzen. Also setzte ich mich in einen Sessel und erzählte eine Geschichte, in der möglichst viele der frei im Raum verteilten Spielzeugmoleküle vorkamen. Die Kinder mussten jedes erwähnte Teil aufheben und wegräumen. Was soll ich sagen? Es hat super geklappt, es hat allen Spaß gemacht und es ging auch verhältnismäßig schnell. Mittlerweile bin ich offensichtlich gut geübt darin, temporeiche, spannende Geschichten zu erzählen. Naja, vielleicht lag es auch an den Gummibärchen, die ich großzügig verteilt habe: An alle, die unters Bett gerobbt sind um dort Socken und Stofftiere einzusammeln.  Für jeden Legostein, der als Volltreffer in der Kiste landete. Als alle Pixibücher wieder in ihrem Korb lagen und alles, was nicht in diesen Korb gehörte dort, wo es hingehörte. Und als das geheimnisvolle, verzauberte, verschwundene letzte fehlende Teil vom neue Maulwurfspuzzle wieder aufgetaucht ist.


Passenderweise kann ich zum Thema Aufräumen und Geschichten erzählen sogar ein Buch empfehlen. „Bitte nicht aufräumen“ heißt es – und genau das haben sich die Autoren von den Kindern gewünscht, die sie besucht haben und von denen sie dann kleine Geschichten geschrieben und knautschig-chaotische Bilder gemalt haben. Ein bisschen muss man sich an das Buch gewöhnen, aber dann ist es einfach toll – und super geeignet  zum Erzählen üben; besonders für Einsteiger, weil man bei Hängern oder Anlaufschwierigkeiten einfach erst mal die kurzen Texte lesen kann. Das Buch ist außerdem ein schönes  wimmelähnliches Ohne-Wörter-Bilderbuch für alle Wimmelbuchfeinde  wie mich (2010 erschienen bei Klett Kinderbuch, es kostet 13,90 € ).


In dieser Kategorie habe ich noch einen Tipp: „Professor Pfeffers tierisches Abenteuer“  - ein Buch mit vielen, vielen, vielen verschiedenen Tieren, zoologisch korrekt benannt, witzig, kantig, farbig gezeichnet von Katrin Wiehle und immer wieder neu sortiert und arrangiert ( erschienen 2010 im Beltz-Verlag, 14,95 €).

Wissenschaft im Alltagstest

von: Sigrid Tinz

Diskutieren Sie mit Sigrid Tinz über ihren Alltag als Mutter und Wissenschaftsjournalistin.

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