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Von Demo-Eltern und politischen Kindern
Demos, Demos, Demos: jetzt an Ostern gegen Atomenergie und für den Frieden, im Herbst ging es gegen den Neubau des Stuttgarter Bahnhofs und gegen Castor-Transporte, im Sommer gegen die Hamburger Schulreform, dazwischen immer mal wieder gegen Rechts und für das, was im Lokalen so anliegt: Spielplätze, Kitagebühren, Umgehungsstraßen. Auch wir sind ab und zu dabei.
Und damit sind wir voll im Trend. Denn, so sagen es die Soziologen und so zeigen es die Fernsehbilder und Zeitungsfotos, es demonstrieren nicht nur Gewerkschaftler und kurzgeschorene oder langhaarige Heranwachsende, sondern: die Bürger, die Mittelschicht,. Bzw. das was Soziologen als diese definieren.
Demo als Familienausflug?
Gemeinsames Kennzeichen: Man demonstriert nicht nur, sondern denkt auch darüber nach, wägt ab, reflektiert. Und diskutiert. Über die Thematik der Demo, aber auch über das Drumherum, zum Beispiel über die Frage: Darf ich die Kinder mitnehmen?
Zum Beispiel in Internetforen
oder im ZEITmagazin
; da gab es vor einigen Wochen ein Pro-und-Contra, auf das viele Kommentare folgten.
Zusammenfassend kann man sagen: es gibt zwei Lager.
Die einen sagen, wenn Eltern ihre Kinder mit zur Demo nehmen, würden sie ihre „Verantwortungspflicht vernachlässigen“ und sollten „das Sorgerecht entzogen“ bekommen. Demos sind gefährlich, man denke nur an Steine, Schlagstöcke und Wasserwerfer. Aber auch der kleinen Seele tut man Gewalt an. Instrumentalisiert werde das Kind, das da auf Papis Schultern sitzt. Und bunte Fähnchen und Luftballons schwenkt, deren Aufschrift es nicht mal lesen, geschweige denn verstehen kann. Wählen dürfen Kinder ja auch erst mit 18!
Außerdem: Woher will Papi eigentlich wissen, dass sein Kind später nicht ganz anders denkt über Atomenergie oder über sechs gemeinsame Jahre Grundschule?
Die anderen sagen: Kinder verstehen viel mehr und vieles besser, als die Erwachsenen so meinen. Demonstrieren gehen mit Kind sei ein wichtiger Beitrag zu dessen Erziehung, zu seiner politischen Bildung allgemein und manche sagen auch ganz klar: „Unsere Kinder sollen nicht so gleichgültig werden, wie ich in meiner Jugend war:“ Oder: Unsere Kinder sollen verstehen, wie gefährlich Atomkraft ist. Deswegen nehmen wir sie mit.“
Jeder muss für sich entscheiden
Eigentlich gibt es drei Lager, denn nicht wenige Diskussionsteilnehmer äußern sich so: Beide Perspektiven haben ihre Berechtigung; es komme auf die Umstände an, das Thema, das Alter, ob die Kinder Lust haben und so weiter. Und überhaupt müsse jede Familie für sich selber entscheiden.
Und dann gibt es noch einen vierten Punkt, der vermutlich in vielen Fällen die eigentliche Antwort ist auf die Frage, ob die Kinder mitkommen. Er ist eher praktischer Natur und wird möglicherweise deshalb kaum erwähnt, weil das Pro, das Contra und die meisten Kommentare von Männern geschrieben worden sind. Die, wenn sie zum Lager zwei gehören und aus welchen Gründen auch immer, das Kind mitnehmen wollen, einfach „losmarschieren“. Und wenn sie das Kind nicht mitnehmen wollen zur Demo, dann „bleibt es eben zu Hause bei seiner Mutter“.
Was ist aber, wenn Mutter demonstrieren will, sagen wir bei der montäglichen Mahnwache gegen Atomenergie? Und Papi montags immer Abteilungskonferenz hat und nie weiß, wie spät es wird? Und Oma in Urlaub ist oder – auch das ist ein Trend, „Grauer Block“ genannt, oder „Heiner-Geißler-Phänomen
“ – selber demonstriert?
Dann müssen die Kinder eben mit.
Sie alleine zu Hause zu lassen würde doch erheblich die elterliche Verantwortungspflicht verletzen.

