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Von der Kaulquappe zum Tyrannen
Früher meinte man, auf dem Weg von der befruchteten Eizelle bis zum fertigen Baby rekapituliere jeder Mensch noch einmal den Weg der Evolution: von der Amphibie zur Krone der Schöpfung. „Biogenetische Grundregel“ nannte sich das. Die Regel ist zwar nur eine Theorie und mit ihren bald 150 Jahren auch ein bisschen veraltet. Aber wer es nicht so eng sieht, kann tatsächlich charmante Parallelen entdecken: Ein Wasserwesen ist das Kind zunächst, klein und schwerelos schwappt es hin und her im Bauch der Mutter und sieht mal aus wie eine Qualle, mal wie ein Reptil mit Schwänzchen.
Das Reptil wird zum Römer.....
Und man kann diese Geschichte weiterspinnen, wie ich vor einiger Zeit in einem Text des Zeit-Kolumnisten Harald Martenstein las: Der schrieb, dass nach der Geburt das Baby die verschiedenen historischen Epochen durchläuft: „Es fängt als Neandertaler an, der grunzt und schmutzt und immer nur an die nächste Mahlzeit denkt. Dann wird das Kind zum Römer, es errichtet aus seinen Klötzchen großartige Bauwerke, es liebt den Zirkus und die Bäder, versklavt alle die in der Nähe sind, hat eine Tendenz zur Grausamkeit und erweitert ununterbrochen das Imperium. In der dritten Phase ist das Kind Seefahrer und Entdecker, 16. Jahrhundert. Es lernt die Wissenschaften kennen, hat klare Vorstellungen, wie alles zu laufen hat und kann in Weltanschauungsfragen extrem intolerant sein.“
...und der Römer irgendwann zum Mensch
Eine schöne Vorstellung finde ich das: alles ist nur eine Phase und irgendwann ist das Kind da, wo wir Eltern es uns wünschen. Im 21. Jahrhundert nämlich: tolerant, friedlich, freundlich, gelassen, klar und umgänglich. Und zwar von ganz alleine. Ohne dass wir Eltern unbedingt tolerante, friedliche, freundliche, gelassene, klare und umgängliche Vorbilder sein müssen. Oder zu heiligen Inquisitoren werden müssen, um mit Konsequenz und Elternführerschein, mit stillem Stuhl und strengen Worten zu verhindern, dass die lieben Kleinen auf der Tyrannen-Stufe steckenbleiben.

