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Alles nur Theorie...
Dez '10
11:50 Uhr
09

Wenn Opa aus dem Rahmen fällt

„Opa wird wieder wie ein kleines Kind“, so hatte mir meine Mutter es erklärt. Damals, als Demenz noch „Verkalkung“ hieß. Ich war fünf oder sechs, glaube ich, und mir hat es gereicht als Erklärung für sein seltsames Verhalten.

Und jahrelang habe ich nicht mehr daran gedacht.

Bis vor ein paar Tagen. Ich habe für die aktuelle Ausgabe von Yango über demenzkranke Großeltern geschrieben und zusammengestellt, wie man sich Dementen gegenüber am besten verhält. Nämlich so: Langsam und deutlich reden, sie dabei anschauen oder ihnen die Hand auf den Arm legen, konkret sagen, was man möchte; sich nicht auf Diskussionen einlassen, nachgeben oder ablenken.

Da dachte ich: wie bei bei einem kleinen Kind.

Halt geben und Verständnis zeigen: Damit können Familien dafür sorgen, dass sich sowohl Demente als auch die Angehörigen trotz aller Umstände wohlfühlen.

Halt geben und Verständnis zeigen: Damit können Familien dafür sorgen, dass sich sowohl Demente als auch die Angehörigen trotz aller Umstände wohlfühlen.

Wie bei kleinen Kindern
Bei denen sollen wir Eltern ja auch auf Augenhöhe gehen, damit sie merken, dass sie überhaupt gemeint sind, wenn wir sagen: „Wir wollen gleich los“. Und dass es noch besser ist, wenn ich konkret sage, was ich damit meine. Nämlich: „Pack deine Tupperdose in den Rucksack und zieh dir schon mal die Schuhe an.“

Allerdings hinkt der Vergleich ein bisschen. Kinder soll man durchaus freundlich und geduldig behandeln, finde ich, aber eben nicht immer nachgiebig. Sie müssen ja auch lernen, dass das Leben an sich und auch andere Menschen nicht immer so sind wie sie es gerne hätten.

Demente aber können nichts mehr lernen. Sie verlieren durch ihre Krankheit nach und nach jede Orientierung und Kontrolle: Muss ich zur Arbeit oder nicht? Wohne ich hier?  Wer sind dann all die anderen Menschen in meiner Wohnung? Wer bin ich überhaupt?

Ist es da verwunderlich, dass Demente oft nervös sind, ängstlich, weinerlich, unruhig und immer unterwegs, als würden sie etwas suchen? Dass sie sich wehren, wenn sie von  Menschen, die ihnen fremd sind - weil sie vergessen haben, dass sie sie kennen - ausgezogen und unter die Dusche gestellt werden? Vielleicht sind all diese „Weglauftendenzen“ und „herausfordernden Verhaltensweisen“ gar keine echten Demenz-Symptome? Sondern die Reaktion der Kranken auf die Art und Weise, wie mit ihnen und ihrer Orientierungslosigkeit umgegangen wird?

Und vielleicht dienen auch all die  Behandlungen gar nicht direkt dem Kranken, das Ruhigstellen mit Psychopharmaka, das Einsperren, ans Bett fixieren? Sondern uns, den Anderen, den Gesunden, die es nicht gut aushalten können, wenn jemand aus dem Rahmen fällt, dessen, was die Gesellschaft als normal ansieht.

Was ist normal, was ist natürlich?
Und da bin ich dann doch wieder bei Kindern. Und zwar bei denen, die man heute sehr freundlich und politisch korrekt „verhaltensoriginell' nennt. Aber die man doch nur mit allerlei Fördermaßnahmen und im Zweifel gleich mit Ritalin zu verändern versucht. So, dass auch sie in dem Rahmen bleiben, der heute als normal gilt.

Nämlich zum Beispiel ruhig und konzentriert vier, fünf, acht Stunden in Schule und Betreuung zu funktionieren. Und nicht laut zu sein, ungestüm, voller Ideen und Bewegungsdrang und interessiert an allem, was drumherum passiert.  

Aber: Auch nach sieben Jahren Therapie wird aus einem Pinguin keine Giraffe, so hat es der Kabarettist Eckart von Hirschhausen formuliert. Er bleibt ein Pinguin, im Zweifel ein unglücklicher.

Ob es auch anders ginge? Ob - mit viel Verständnis und Verstehen auf allen Seiten - jeder so sein und so bleiben könnte, wie er ist? Wir den 'normalen' Rahmen unserer Gesellschaft so erweitern könnten, dass jeder darin Platz hat, ohne anzuecken oder herauszufallen?

Wahrscheinlich nicht, auch wenn es schön wäre. Wahrscheinlich reichen weder Geld, Zeit und Kraft, und womöglich wollen wir es auch gar nicht.

Aber das sollten wir dann auch ehrlich sagen, finde ich. Wenn mein Kind oder mein Opa oder sonst jemand aus dem Rahmen fallen, dann liegt es daran, dass der Rahmen für sie zu eng ist. Und nicht, dass sie falsch, krank oder einfach zu anders sind für den Rahmen. Denn nur weil etwas nicht normal ist, heißt es noch lange nicht, dass es nicht natürlich ist.  

Mehr zum Thema finden Sie hier.

Demenz:
www.deutsche-alzheimer.de   - Internetseite der Deutschen Alzheimer Gesellschaftliche
Für Jugendliche bei www.alzheimerandyou.de und für Kinder bei www.afi-kids.de

ADS / ADHS:
Eine gute Broschüre zum Thema Hyperaktivität kann man sich hier herunterladen, viele weitere Infos unter www.adhs.de

Hirschhausens Pinguin-Prinzip:

www.hirschhausen.com und www.youtube.com/watch?v=Az7lJfNiSAs

Dez '10
18:42 Uhr
02

Im Zweifel einfach mal die Klappe halten

Sie kennen die sicher auch, all die guten Ratschläge, die verschiedene Einrichtungen - von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung bis zur Deutschen Unfallkasse - über Tageszeitungen und Apothekenblättchen an die deutschen Eltern austeilen. Gut gemeint sicherlich, um das Leben mit unseren Kindern zu erleichtern und zu verbessern. (So heißt es zum Beispiel auf einer Homepage). Und zwar sollen Väter mehr vorlesen und Mütter beim Stillen keine heißen Tee trinken, wegen der Verbrühungsgefahr, wenn das Baby mal zappelt. Pausenbrote sollen wir Eltern schon abends schmieren, wegen der morgendlichen Hektik und wenn das Kind Medikamente nehmen muss, müssen wir Sicherheit ausstrahlen: dann nimmt es sie gerne und sie wirken besser. Bei den Hausaufgaben brauchen wir „das richtige Maß an Kontrolle“, im Kindergarten ein „ zügiges Abschiedsritual“ und einer Zwölfjährigen sollten wir nicht verbieten, geschminkt zur Schule zu gehen.

An der Supermarktkasse

An der Supermarktkasse

„Erziehungstipps ignorieren“

Vergangene Woche war eine dieser Mitteilungen überschrieben mit: „Erziehungstipps ruhig ignorieren“. Sollte damit etwa gemeint sein, wir Eltern sollen all diese Ratschläge nicht mehr beachten, geschweige denn lesen? Ich meine, wirklich helfen tun die Tipps, mit denen Pädagogen ihnen unbekannten Eltern erklären wollen, wie die unter deren ganz persönlichen Lebensbedingungen mit einem völlig einzigartigen Kind umgehen sollten, ohnehin nicht.

Ich habe dann natürlich doch weiter gelesen, und so war es natürlich auch gar nicht gemeint. Es ging nicht um die Ratschläge von Erziehungsexperten, sondern um die von so genannten „Dritten“ (statistisch meist Bessermütter oder -väter im großelternfähigen Alter); die bekommen wir Eltern ja auch noch reichlich.

„Was wird dazu wohl der Nikolaus sagen?“

Der Klassiker: das Kind tobt an der Supermarktkasse, nennt seine Mutter „Blödestemamaderweltaltesau“ - weil es kein Überraschungsei gekauft bekommt.
„Das hätte meiner nicht mit mir gemacht.“
„Da müssten Sie aber mal ein ernstes Wort sprechen.“
„Das würde ich mir aber nicht bieten lassen.“
„Was wird da wohl der Nikolaus sagen?“
„Lassen Sie ihn ruhig, Jungs sind manchmal so.“
„Sie dürfen jetzt nicht nachgeben und ihm das Ei kaufen.“
„Kaufen Sie ihm doch das Ei.“
„Soll die Tante dir das Ei kaufen?“
Das alles soll ich „ignorieren“ hieß es in dem Text, es sei denn, es würde freundlich vorgebracht, für solche Ratschläge, auch wenn sie nichts nützen, könne man sich durchaus bedanken.

Einfach mal die Klappe halten

Ich habe eine bessere Idee: Die Dritten verkneifen sich ihre Bemerkungen, die unfreundlichen sowieso und die freundlichen am Besten auch. Etwas wirklich Hilfreiches in einer solchen Situation gibt es eigentlich nicht; am meisten hilft mir ein verständnisvoller Blick oder eine Hand, die den Einkaufswagen in der Kassenschlange weiterschiebt und vielleicht die Waren schon mal aufs Band lädt. Während ich das Kind daran hindere, die Überraschungseier zu zertrümmern, die ich ihm nicht kaufen will.
DAS würde mir das Leben leichter machen. Und das könnten die verschiedenen Einrichtungen gerne per Apothekenblättchen an die so genannten Dritten verteilen.

Wissenschaft im Alltagstest

von: Sigrid Tinz

Diskutieren Sie mit Sigrid Tinz über ihren Alltag als Mutter und Wissenschaftsjournalistin.

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