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Alles nur Theorie...
Mai '11
16:39 Uhr
05

Babybauch hin und zurück

Manche sitzen im Kreis sitzen und stellen sich vor, sie würden mit dem nackten Hintern Gras rupfen. Manche schweben auf Poolnudeln durchs Schwimmbecken, andere hüpfen Riesentrampolin, die nächsten rollen bäuchlings auf Pezzibällen hin und her... Was wohl haben  all diese Frauen quer durch Deutschland gemeinsam?
Sie haben vor einigen Wochen ein Kind bekommen und besuchen jetzt einen so genannten Rückbildungsgymnastikkurs. Den empfehlen und bezahlen die Krankenkassen, um „negative schwangerschafts- und geburtsbedingte Folgeerscheinungen zu reduzieren“, so heißt es dort, „im wesentlichen am Beckenboden“. Der ist nämlich schlapp und ausgeleiert nach einer Schwangerschaft und nach der Geburt. Und soll wieder fest werden und fit, damit sie nicht irgendwann teure Behandlungen für Inkontinenz und Organsenkungen bezahlen müssen.

Gymnastikkurse bringen nicht so viel
 

Schwanger

Ich hab´s ja jetzt schon ein paar Mal mitgemacht und ich muss leider sagen: So richtig bringt´s das  nicht. Besonders, wenn man wie ich zu „negativen schwangerschafts- und geburtsbedingten Folgeerscheinungen“ nicht nur den durchhängenden Beckenboden zählt. Sondern auch, dass die alten Hosen nicht über die Beine wollen und wenn, dann nicht zugehen. Oder sie gehen zu, aber dann quillt der Rest Babybauch oben raus. Worauf sich der endgültig von der Schwerkraft besiegte Stillbusen ausruhen kann, okay.
Aber ich find´s nicht so schön.
Übrigens ist beinahe jeder Sportwissenschaftler bereit, mir meine praktische Erfahrung zu bestätigen: „Natürlich bringt es nicht viel!“ Einmal in der Woche sei viel zu selten, insgesamt zehn Mal sei viel zu wenig. Und in echt ist es ja noch viel weniger, nicht wahr? Denn wir müssen ja auch mal stillen oder wickeln zwischendurch. Und wenn das Baby zu Hause geblieben ist, den Vater anrufen, ihm sagen, wo der dritte Ersatzschnuller liegt. Und unterhalten müssen wir Mütter uns, schließlich sind wir ja auch wegen der Sozialkontakte hier.
„Besser als eine Stunde pro Woche wäre jeden Tag ein Viertelstündchen“ - sagen jedenfalls die Sportfachleute. Also muss man die Sache selber in die Hand nehmen. Ich brauche für so etwas ja immer ein Buch – und zum Thema Rückbildungsgymnastik gibt es ich weiß nicht wie viele; einige davon habe ich bestellt und ausprobiert.
Mein persönlicher Favorit ist dieses: „Rückbildungsgymnastik: Fit nach der Schwangerschaft“ (Benita Cantieni, Karin Altpeter-Weiss, Südwest Verlag, 17,99 €). Bei dieser auch Cantienica genannten Gymnastik wird nicht mit den Schließmuskeln geblinzelt oder gerupft. Sondern mit allen Muskeln geturnt, die der Beckenboden zu bieten hat. Die reichen kreuz und quer und längs und vor bis zum Rücken und bis zum Bauchnabel. Und weil sie mit allen anderen Muskelgruppen verbunden sind, strafft, dehnt und stärkt Cantienica den ganzen Körper. Inkontinenz und Senkungen wird vorgebeugt, bereits bestehende Probleme bessern sich.  Schultern und Nacken werden locker, der Busen hebt sich, der Bauch wird straff, Po und Beine auch. Die schiefgeschleppte Hüfte, der krummgestillte Rücken atmen auf und werden wieder gerade. Schon nach einer Schnupperstunde im Studio habe ich mich gefühlt wie bis auf die Knochen massiert – und zehn Zentimeter größer. Jedenfalls musste ich den Autospiegel neu einstellen.

Jedes Wundermittel hat Nachteile

Ja, ich sagte Studio, denn wie jedes Wundermittel hat auch dieses seine Nachteile. Die Übungen sind ziemlich komplex, um nicht zu sagen: höchst kompliziert. Beispiel gefällig? Hinlegen, Beine anwinkeln, Steißbein und Schambein zu den Fersen ziehen, den Kronenpunkt in die Gegenrichtung, linkes Bein strecken, rechtes Bein strecken. Hände falten, ausdrehen, Arme über den … hallo? Jaha, und wir sind noch nicht mal in der Ausgangsposition! Um es kurz zu machen: ich habe mir zwei, drei Stunden bei einer ausgebildeten Cantienica-Trainerin  gegönnt. Mir die Grundpositionen zeigen lassen und die Grundbegriffe. Übrigens bereits beim dritten Kind – und ich bin jedes Mal wieder begeistert, wie gut es tut und wirkt, wenn ich es schaffe, regelmäßig zu turnen

Aber das schafft man natürlich nicht....

Aber morgens bin ich oft zu müde, abends bin ich oft zu müde und dazwischen habe ich ja das Baby. Das ist meckrig und will auf den Arm. Oder spielen. Oder es ist gerade so schön eingeschlafen im Tragetuch... Ausreden, weiß ich selber. Die mit „KnuddelFit - Rückbildungsgymnastik mit Baby“ (Tina Schütze, Kösel 14,99 €) keine Chance mehr haben. Denn in diesem Buch gibt es Übungseinheiten zusammen mit dem Baby, wenn es gut drauf ist und solche für schlechtgelaunte Babys; und auch Übungen mit Tragetuch, falls es gerade so schön eingeschlafen sein sollte.
In fast allen Rückbildungsbüchern steht übrigens mantra-artig der motivierende Hinweis: nehmen Sie sich nicht zu viel vor, aber bedenken Sie auch: nichts, keine Wäsche, kein Telefonat, keine Zeitung, sollte Ihnen mehr wert sein als Sie selbst, Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden. Und immer schön dran denken, wie gut Sie ich fühlen werden hinterher, ….ja, ich weiß.
Nur: wenn ich für die Gymnastik den Einkauf verschiebe, steht das Essen für das hungrige Schulkind zu spät auf dem Tisch, die Hausaufgaben werden sich nach hinten schieben, der ganze Nachmittagstakt gerät ins Wanken. Und niemand wird sich gut fühlen.

Neue Trendsportart: Buggyfitness

Ist auch nur eine Ausrede, musste ich feststellen, denn schließlich kann ich die Rückbildungsgymnastik auch unterwegs erledigen. So steht´s in „Mama-Power: Fit mit dem Kinderwagen“ (Angela Kowsky, Trias, 14,95 €). Hier gibt’s nicht nur Gymnastik fürs Durchdiegegendschieben, sondern auch Übungen für drinnen, mit Kind und ohne, Tipps fürs Turnen bei der Hausarbeit, entspannend oder auch mal zum Schwitzen. Jede Übung hat eine „Anker“ genannte Gedächtnisstütze – damit man sich unterwegs erinnern kann, wie sie noch gleich ging. Nicht nötig ist das beim thematisch ähnlichen Buch „Buggyfit“ (Judith Habring, Manuela Habring, Ecofit-Verlag, 19,80 €);  es hat extra ein Band und hängt allzeit griffbereit am Lenkgriff des Kinderwagens.
Bestechende Idee. Theoretisch. Aber praktisch schwer durchführbar. Zumindest für mich;  vielleicht, weil ich mehrere Kinder habe und in einer Kleinstadt leben. Auf dem Weg zum Edeka treffe ich nämlich so viele Krabbel-Still-Spielgruppen-Bekanntschaften, Kitaeltern, Eltern von der Schule, vom Chor, vom Schwimmkurs und vom Reiten, und natürlich Rückbildungs- und Geburtsvorbereitungskolleginnen, dass ich zum Quatschen komme, sonst aber zu nichts.

Nicht alle mögen Gymnastik überhaupt

Und dann gibt’s ja noch Mütter, die einfach keine Gymnastikfreundinnen sind, denen Begriffe wie B-O-P, Pilates, Hatha-Yoga oder Core-Training gar nichts sagen und wenn, dann nichts Gutes. All denen und eigentlich auch allen anderen kann ich nur wärmstens dieses Buch empfehlen: „Beckenboden: Wie Sie den Alltag zum Training nutzen“ (Irene Lang-Reeves, GU Verlag, 12,99 €). Statt zu versuchen, das Training mühsam in den Alltag zu stopfen, wird hier der Alltag Training. Und zwar nicht, in dem man beim Staubsaugen, Rasenmähen, an der Rutsche oder am Kopierer diskret seine Übungen erledigt, sondern in erster Linie dadurch, dass man dabei eben auch den Beckenboden benutzt. Wer sich ein, zwei Tage freischaufelt, um dieses Programm zu verinnerlichen und sich ab und zu eine Auffrischung gönnt, durchaus auch mit Hilfe (www.irene-lang.de/44-netzwerk.html), braucht sich um seinen Beckenboden kaum noch Gedanken zu machen.
P.S.: Die gleiche Frau hat übrigens noch ein Buch geschrieben „Sexualität mit Leib und Seele: Mit aktivem Beckenboden zu einer neuen Erotik“, (Diana-Verlag, 16,99 €). Ja, auch dafür ist der Beckenboden wichtig, übrigens auch für Männer, falls einer bis hierher durchgehalten hat.
Ist kein Thema für junge Eltern ist, das weiß ich selber.

Jan '11
15:15 Uhr
13

Dabei sein ist alles

Für das nächste Yango-Heft schreibe ich gerade einen Text übers Kinderkriegen.
Und eines scheint klar zu sein: Ein Mann ist heutzutage dabei, wenn er Vater wird. Und wenn nicht, dann weil er ein Macho ist, ein Drückeberger, ein Weichei oder womöglich jemand, den die eigene Frau nicht dabei haben will. Oder weil er Grippe hat. So oder so, das beste hat er verpasst.

Zusammenhang zwischen Geburtserlebnis und Vaterrolle
Vaterrolle

Rein statistisch nämlich soll es einen Zusammenhang zwischen dem Erlebnis der Geburt und der Zugewandtheit der Vaterrolle geben.
Aber was heißt schon statistisch.

Konnten Väter früher erst im fußballfähigen Alter etwas mit ihren Kindern anfangen – waren den lieben Kleinen also nicht von Anfang an so zugewandt wie heute – nur weil sie die entscheidenden Stunden in der Kneipe oder bei Schwiegermutter am Kaffeetisch verbracht haben? Oder weil die Vaterrolle damals eben anders definiert war? Und sind Väter heute viel „zugewandter“, weil viel mehr bei der Geburt dabei sind? Oder sind viel mehr bei der Geburt dabei, weil sie eben „zugewandter“ sind?

Es gibt auch statistische Hinweise, dass eine gemeinsam erlebte schöne Geburt die partnerschaftliche Verbindung von Mama und Papa fördert – aber eher nicht Liebe, Sex und Zärtlichkeit. Und oft ist eine Geburt auch nicht so schön wie gedacht: Dann fühlen sich die Männer in ihrer Rolle als „irgendetwas zwischen Zuschauer, Begleiter, Trainer, Coach, Vermittler und Anwalt“ (so steht es im „Papa-Handbuch“) hilflos,  und die Frauen fühlen sich im Stich gelassen. Und hinterher gibt es Vorwürfe und Streit.

Früher waren die Männer doch auch dabei

Wissenschaftlich korrekte Aussagen und Empfehlungen lassen sich also nicht treffen und auch der Verweis auf die gute alte Zeit hinkt.
Ja, ganz früher, vor der Zeit der gekachelten Kreißsäle mit Schlachthofatmosphäre, da waren die Männer meistens dabei, das stimmt. Das war halt so, weil die Kinder zu Hause zur Welt kamen.
Aber: erstens hatte der durchschnittliche Mann eine gewisse Praxis vom Ferkeln oder Kalben und ahnte immerhin, was auf ihn zukam. (Während vätergerechte Geburtsvorbereitung heute weder genau definiert ist noch  flächendeckend angeboten wird.)

Und zweitens:  er war nicht wirklich dabei, sondern mehr drumherum. Beschäftigt damit, Haus, Hof, Vieh, Kind und Kegel zu versorgen und ja, auch damit, heißes Wasser zu kochen. Jedenfalls musste er nicht  „Zuschauer, Begleiter, Trainer, Coach, Vermittler und Anwalt“ sein, hatte keine Zeit, alles zu filmen und zu fotografieren und halbstündlich den Stand der Dinge an die werdenden Großeltern zu simsen; keine Muße, die werdende Mutter alle fünf Minuten zu fragen, wie´s ihr ginge, ob sie ein bisschen trinken oder essen möchte und wenn ja was; welchen Massagegriff sie wünsche. Und ob sie sich erinnern könne, wie der noch gleich ging.
Mehr Informationen für werdende Väter, ob sie nun 'dabei' sein wollen und werden oder nicht, gibt’s unter:

http://www.urbia.de/magazin/schwangerschaft/geburt/special-werdende-vaeter-bei-der-geburt
http://www.vaeter-nrw.de/
http://www.ichbinpapa.de

und in den Papa-Handbüchern, die bei Gräfe und Unzer erschienen sind: „Das Papa-Handbuch“ für Schwangerschaft, Geburt und das erste Jahr zu dritt, von Robert Richter und Eberhard Schäfer (14,99 EUR, 2005)  
„Das Papa-Handbuch für Kinder ab 3“ von Peter Ballnik (14,99 EUR,  2010)

Wissenschaft im Alltagstest

von: Sigrid Tinz

Diskutieren Sie mit Sigrid Tinz über ihren Alltag als Mutter und Wissenschaftsjournalistin.

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