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Bratensoße aus Büchern
„Die 20 besten Bücher für die Entwicklung Ihres Kindes“, die können Sie heute in der aktuellen Ausgabe von Yango gewinnen (link). Wie das wohl geht, aus zehntausenden existierenden Kinderbüchern die zwanzig besten herauszusuchen? Das habe ich mich gefragt; und nicht nur mich, sondern auch den Club Bertelsmann. Der hat zusammen mit der Leseforscherin Bettina Hurrelmann diese 20 Bücher für Kinder zwischen null und acht zusammengestellt und sie „Edition mit Büchern wachsen“ genannt.
Auswahl ist ein komplexer Prozess
Und das war die Antwort: Man habe sich an den neuesten Kriterien der Leseförderungs-Forschung orientiert. Es mussten also rein: Bücher mit Reimen, Bildwörterbücher, Wimmelbücher, Bücher mit Klappen und Schiebern und mit Pop-Ups – weil das alles den Sprachsinn, Motorik und die Freude an Büchern fördert. Es mussten rein: Bücher mit Liedern, Versen und Fingerspielen für die Musikalität, Märchen-Bücher, weil sie einfach schön sind, Bücher mit längeren Geschichten zum Vorlesen – für die Ausdauer. Und: Geschichten, in denen einzelne Wörter durch Bilder ersetzt sind, damit das Kind anfangen kann „aktiv selber am Vorlesen teilzunehmen“. Auch Bücher für die ganz Kleinen sollten dabei sein. Und weil so ein Baby noch nicht wirklich lesen will, sondern fummeln und lutschen, braucht es Bücher, an denen es fummeln und lutschen kann.
Erstens.
Und zweitens habe man dann mit der vorhandenen langjährigen Erfahrung die Bücher genommen, die Kindern halt gefallen. Insgesamt sei die Auswahl „ein komplexer Prozess“ gewesen.
Wo ist die Raupe Nimmersatt?
Kann ich mir vorstellen. Vor allem, weil es pro Kategorie sicherlich viele Kandidaten gab, die sowohl pädagogisch wertvoll sind als auch beliebt. Und dann? Haben sie wohl ihren persönlichen Favoriten genommen, nehme ich mal an. So hätte ich es jedenfalls gemacht. Und dann wäre auch „Die kleine Raupe Nimmersatt“ (Eric Carle, Gerstenberg, ab 4,95 €) dabei; das war schon mein Lieblingsbuch, als ich noch Kindergartenkind war. Es hat Löcher zum Fummeln, einprägsamen Verse und Farben, Zahlen, Menge und Dinge zum kennenlernen und benennen . Unbedingt dabei wäre auch „Pony, Bär und Apfelbaum“ von Sigrid Heuck (Thienemann, 11,90 €). Hier sind Wörter durch Bilder ersetzt, es gibt mehreren Folgen und auch die Variante „Pony, Bear and Apple Tree“; für alle die ihr Kind nicht nur ans Vorlesen, sondern auch noch an fremde Vokabeln heranführen wollen. „Henriette Bimmelbahn und ihre Freunde“ (Boje, 15,00 €) gehörte ebenfalls zu meiner Bestenliste; James Krüss lässt die pfeifen, bimmeln, rattern, knattern, dampfen, fauchen, ruckeln, zuckeln, klapper und plappern und und und – so fördern auch Eltern noch ihren Sprachsinn. Was noch? Ach ja, ein Fühlbuch. Da gibt es nur einen Favoriten; und zwar das, welches meine Freundin ihrem ersten Kind selber genäht hat: mit einer Knöpfe-Landschaft zum fummeln und mit einer Wäscheleine voll kleiner Kleidchen zum Hinundherschieben. Und das aufgenähte Sofa hatte das gleiche Muster wie das echte bei ihnen im Wohnzimmer. Dagegen kommt kein Plüschentchen-Fühlbuch an. Meine Versuche, meinen Kindern etwas Ähnliches zu nähen, leider auch nichts. Aber für mein Baby Nummer vier habe ich eines gefunden, dass wenigstens aussieht wie selbstgemacht, das „Babyglück-Kuschelbuch“ von Spiegelburg (19,95 €): weißblau-kariert und mit bunten, aber nicht blindmachenden Applikationen und nicht niedlich, sondern nett.
Okay, so weit. Aber welche aus unseren zwei Regalmeter Bilder- und Vorlesebücher würde ich noch nehmen? Michel oder Pippi? Conni oder Huckleberry Finn? Die Barbapapas, Jim Knopf oder den kleinen König? Welches Lexikon? Das über Planeten, über Piraten, über Dinosaurier oder das über Bauernhoftiere? Welches von den vier Liederbüchern? Oder gar keins, sondern den Ordner aus der Kita, weil da nur Lieder drin sind, die auch jemand singen kann.....
Bratensoße aus Büchern
Außerdem: es kommen ja immer wieder neue Bücher heraus! „Der Kackofant“ zum Beispiel, siehe vorletzte Woche (link) oder: „Die Autowerkstatt“ (Christophe Merlin, Gerstenberg, 13,95 €). Die lässt sich aufklappen bis auf DIN A2, hat noch mal Klappen in den Klappen und ist super für die Jungs.
Ein komplexer Prozess, diese Buchauswahl, wohl war. Man müsste sich ein Regalfach nehmen und immer, wenn ein neues rein soll, dann muss ein altes dafür raus. So würde die beste Bücherauswahl mit der Zeit immer konzentrierter, immer besser werden. Wie eine gute Bratensoße.
Was wären denn Ihre Zutaten dazu?
Warum ich Wimmelbücher hasse
Bücher ohne Wörter sind gut, um Geschichtenerzählen zu üben. Das habe ich in der vorletzten Woche geschrieben. Bücher ohne Wörter, da ist man natürlich schnell bei Wimmelbüchern. Und jetzt sage ich Ihnen, warum ich Wimmelbücher hasse. Weil sie ein Format haben, das bei keinem Bücherregal vorgesehen ist. Weil nichts anderes zu entdecken ist, als dass, was ich und die Kinder entdecken würden, würden wir in den Zoo, zum Marktplatz oder auf einen Bauernhof gehen – statt auf dem Boden zu liegen und uns stundenlang Zoo-Bauernhof-Marktplatz-Wimmelbücher anzuschauen.
Wirklichkeit statt Wimmelbuchwelt
Nein, wir würden sogar mehr entdecken, meine ich. Die Wirklichkeit nämlich und nicht die lieb gezeichnete und politisch korrekte Wimmelbuchwelt, mit glücklichen Kühen, mit BaggerführerInnen, Kindern im Rollstuhl und mit gut integrierten Einwanderern aller Hautfarben. In Wirklichkeit würde ich meine Kindern nicht anlächeln und sagen, „Ja, der ist wirklich sehr dick“, wenn sie auf einen Mann zeigen und „Guck mal, ist der dick“ sagen. Sondern „Psst, bist du wohl leise, das sagt man nicht, das ist unhöflich, dann wird er traurig“. Oder irgendetwas in der Art. Mein größerer Sohn würde fragen „Waruhum?“ und ich wäre mittendrin in einer schönen Diskussion über die sozialen und gesundheitlichen Aspekte von Dicksein und Diskriminierung. Und das in aller Öffentlichkeit, und untermalt von fröhlichen „Dickmops, Dickmops“-Rufen des Kleinen.
Stundenlange Beschäftigung – das geht auch anders
Mit Wimmelbüchern können sich Kinder stundenlang beschäftigen, das hört man oft. Und das ist ein Argument, dem ich mich nicht verschließe. Denn ehrlich gesagt, was ist schöner als stundenlang beschäftigte Kinder? Zum Glück gibt es wimmelähnliche Bücher, in denen es mehr zu entdecken, zu suchen und zu finden gibt als immer nur wieder den gleichen kleinen Hund.
Zum Beispiel diese:
„Tatu und Patu und ihre verrückten Maschinen“ von Sami Toivonen. Die zwei etwas kantigen Geschwister Tatu und Patu erfinden auf jeder Seite eine neue praktische Maschine für den Kinder-Alltag: einen Pizza-Ekel-Zutaten-Entferner zum Beispiel, eine Pfützenbohrmaschine, oder die Guten-Morgen-Maschine, von der man sich vom Aufwachen bis zum Frühstück fertigmachen lassen und dabei verschiedene Programme wählen kann. Das Buch wird ab 4 Jahre empfohlen, aber auch unser Zweijähriger liebt „Tattutattupattu“ – weswegen mehrere Seitenteile fehlen. Was nicht gar so schlimm ist, weil es mittlerweile einen zweiten Teil gibt: „Tatu und Patu und ihr verrücktes Gutenachtbuch“. Beide Bände kosten 12,90 €und sind Thienemann-Verlag erschienen.
„Ich sehe was, was du nicht siehst“ von Joan Steiner, Thomas Lindley und Nina Schindler. Der Untertitel „Entdecke 1000 verborgene Alltagsgegenstände“ sagt eigentlich schon alles: die auf den ersten Blick durchaus wimmelbuchähnlichen Landschaften – eine Bahnhofshalle, ein Spielplatz, ein Geschäft zum Beispiel – bestehen auf den zweiten Blick, dritten, zehnten Blick aus roten Bohnen, Knäckebrot und Schaumzuckereiern; die Räder der Lokomotive sind aus Konservendosen und Kronkorken, die Schienen aus Antennen und Zimtstangen.
Es gibt weitere Bände dieser Reihe, erschienen im Esslinger-Verlag für je 12,90 €; als Lesealter werden 3 bis 5 Jahre empfohlen. Aber auch Grundschulkinder, die gewöhnt sind „zu forschen“, setzen sich gerne mal wieder hin: suchen, zählen, notieren und vergleichen ihr „Protokoll“ mit den Lösungen im Anhang.
„Ich finde was“ von Walter Wick. Hier sind Fotos von Städten, Marktplätzen, Schaufenster, Waldszenen mit tausenderlei kleinen Details gespickt: Glasperlen, Schrauben, altes Spielzeug, Roboterteile, Bonbons und Süßigkeiten, auf den ersten Blick ein Haufen, auf den zweiten absolut durchdacht arrangiert. Dazu gibt es kleine Such- und Rechenaufgaben. Erschienen im Kosmos-Verlag für 12,95 €; es wird empfohlen für 5-jährige, aber ruckzuck sind auch Größere und Kleinere vertieft in die Suche.
Ähnlich ist die Reihe: „Ich sehe was“, ebenfalls im Kosmos-Verlag, ebenfalls für 12,95 pro Buch.
„Kunst aufräumen“ von Ursus Wehrli, ist 2004 im Kein und Aber-Verlag erschienen und kostet 7,90 €; Es ist zwar eigentlich kein Kinderbuch, sondern ein Kunstbuch und zwar hat sich der Autor berühmte Kunstwerke vorgenommen und sortiert: aus Paul Klees „Farbtafel“ zum Beispiel – ein Bild mit lauter bunten Quadraten – hat er ordentliche, farblich sortierte Stapel gemacht. Oder in Van Goghs „Schlafzimmer“ aufgeräumt: wie, das sieht man auf der nächsten Seite: all die Gegenstände an den Wänden, Tischchen sind einfach unters Bett geschoben.
Naturführer, Tierlexika – und zwar ganz normale aus dem Erwachsenenregal, durchaus vom Flohmarkt; Hauptsache sie stecken voller Schmetterlinge Vögel, Frösche und Molche und Schlangen. Extra „Kindgerechtes“ für „junge Tierfans“ oder „kleine Naturfreunde“ braucht Kinder eigentlich nicht; solche Bücher sind oft biologisch oberflächlich und ziemlich dünn. Ausnahme: „Bsss –die ganze Welt der Insekten“, „Blubb – Leben unter Wasser“, „Piep – die ganze Welt der Vögel“ (erschienen bei Dorling-Kindersley für jeweils 19,95 Euro).
Gutenberg ist schuld!
Kinder brauchen Bücher und daran kann man sie nicht früh genug gewöhnen“– das ist eine Erkenntnis aus dem Text, an dem ich gerade arbeite und der in der nächsten Ausgabe von Yango erscheinen soll. Sonst würden sie nur noch fernsehen und immer dümmer werden und mit ihnen die ganze Menschheit auch, so lauten grob zusammengefasst die Befürchtungen. Was wohl los war, als Gutenberg den Buchdruck erfunden hatte und Bücher langsam aber stetig zu Massenmedienwurden? „Alle werden nur noch lesen“, hieß es wohl. „Bald wird keiner mehr erzählen können oder sich etwas ausdenken oder merken.“
Eine Geschichte erzählen müssen – oje!
Und so ist es ja auch gekommen. Für viele Eltern gibt es fast nichts Schlimmeres, als gefragt zu werden: „Erzählst du mir eine Geschichte?“
„Oh Gott, mir fällt nicht sein. Schon gar nichts, was mit Pippi Langstrumpf und den ganzen Rittergeschichten mithalten könnte. Und außerdem ist das doch peinlich“. Das denke ich natürlich nur. Und sage: „Soll ich dir nicht was Schönes vorlesen?“
Dashabe ich gedacht und gesagt, muss es eigentlich heißen: denn, wie es Eltern so geht, irgendwann ist einem nichts mehr peinlich; und wenn es gar nicht anders geht – zum Beispiel, als wir in der holländischen Ferienwohnung eintrafen und feststellten, dass die Tasche mit den Büchern und Hörspielen zu Hause geblieben war – dann erzähle ich eben Geschichten. Mit vielen „und-danns“ und „ähs“ zwar, und wenig originell nur über unsere Erlebnisse vomTag, getarnt als ‚Abenteuer‘ der drei Geschwister Franz, Franzine und Fränzchen.
Übung macht den Meister
Zurück zu Hause habe ich mich ein bisschen schlau gemacht und festgestellt: Für den Anfang war das schon ganz richtig. Eigene Erlebnisse lebendig werden lassen, aus dem Alltag oder der eigenen Kindheit, das empfehlen Profi-Erzähler für den Einstieg. Oder einen Gegenstand zunehmen, ein Bild, ein Foto oder ein paar schöne Wörter und drumherum zu erzählen. Auch „und dann und dann und dann“ ist absolut okay. Reihenerzählungen nennen die Profis das. Und wichtiger als dramatische Wendungen, verschiedene Handlungsfäden oder phantasievolle Hauptfiguren sei es, mit Stimme und Körpereinsatz zu erzählen: mal lauter, mal leiser, mal langsamer, mal schnell. Pausen machen, wenn es spannend wird und für verschiedene Figuren verschiedene Stimmen ausprobieren.
Erzählen lernen durchs Vorlesen
Schwieriger als ein Thema zu suchen finde ich nach wie vor, mit hinreichender Schnelligkeit Worte zu finden. Was so schlimm nicht ist, aber man hat man ja auch mal Übernachtungsbesuch, und da möchte man nicht alle drei Minuten sagen: „Äh, lasst mich mal überlegen, wie es weitergeht“. Sondern einen gewissen Eindruck machen. Ich jedenfalls. Deswegen übe ich das. Und zwar beim Vorlesen. (Gutenberg sei Dank, dass es so viele schöne bezahlbare Bücher gibt.) Indem ich eben nicht lese, sondern erzähle, was da passiert. Am besten sind da Bücher, die nur wenig Text haben, aber viel Inhalt. Zum Beispiel die Barbapappa-Geschichten: auf jeder Seite ist so viel zusehen, da kann man sich einfach nicht nur auf die gedruckten Worte beschränken.
Oder ich nehme Bücher ganz ohne Text. Was den Vorteil hat, dass mich dann auch meine leseeifrige Zweitklässlerin nicht immer zurechtweist, das stünde da ja gar nicht, sondern ganz anders.
Und mittlerweile gibt es sogar extra Bücher mit Bildern und Geschichten zum Weitererzählen. Zum Beispiel „Wie geht´s weiter?“ Auf jeder Seite stehen nur zwei, drei Sätze: „Einmal flog eine Schnecke über das Meer. Es dauerte nicht lange und sie entdeckte eine seltsame Insel.....“. Und schon geht´s irgendwie weiter.
Oder?
Buchtipps:
→ „EinTag mit Familie Barbapapa“ von Talus Taylor, ist 2010 imAtlantis-Verlag erschienen und kostet 9,50 €; ab 2 Jahre.
→ „GuteReise, kleiner Fisch: Eine Geschichte ohne Worte“ von Bruno Gibert,ist 2010 im aracari-Verlag erschienen und kostet 12,90 €; ab 3Jahre.
→ „Wiegeht es weiter ?“ von AndreasRöckener , ist 2010 im Moritz-Verlag erschienen undkostet 13,95 €; ab 5 Jahre.

