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Alles nur Theorie...
Dez '10
16:59 Uhr
23

Kein Ritual zu haben kann auch eines sein

Menschen brauchen Rituale, da sind sich alle irgendwie einig: Psychologen, Soziologen, Pädagogen, Theologen. Immer wiederkehrende Abläufe gäben dem Leben Struktur, schenkten Geborgenheit und stärkten Ich- und Wir-Gefühl, heißt es. Im Alltag seien es der Morgenkaffee und die Gute-Nacht-Geschichte und an Feiertagen das gute Essen, Kerzen, Deko, Geschenke und Besuche – erst dadurch würden Feiertage überhaupt zu etwas Besonderem.

Weihnachtsrituale sind Kindheitserinnerungen

Und weil Rituale besonders wichtig für Kinder sind und weil kein Fest so viele Rituale hat wie Weihnachten, holen auch Paare, die sonst an Weihnachten auf den Malediven zum Tanzen waren, Rituale heraus, sobald sie Eltern geworden sind.

Und wo holen sie die Rituale her? Aus ihren Erinnerungen: wie war das bei uns an Weihnachten, wie war´s bei euch? Lichter, Lieder, Geheimnisse, Geschenke – Weihnachtsrituale sind Kindheitserinnerungen. Und deshalb geht es nicht nur darum, ob es Würstchen mit Kartoffelsalat gibt oder Hirsch mit Klößen und Rosenkohl. Wer kampflos seinen Hirsch aufgibt, oder seinen Waldspaziergang, die Mistelzweige, die Mitternachtsmesse – der wird’s wohl nicht so toll gefunden haben. Und damit sein Weihnachten nicht. Und wer keine schönen Weihnachten hatte als Kind, hatte womöglich gleich gar keine glückliche Kindheit.

Familienstreit
Kampf um Rituale

Das will man natürlich nicht zugeben, also wird gekämpft.

Der 'Weihnachtsstreit“ wird zum neuen Ritual und auch dann beibehalten, wenn Hirsch und Würstchen längst zum Lamkotelett-Kompromiss geworden sind: Wie groß soll der Baum sein? Welche Sorte? Vom Förster? Bio? Baumarkt-Massenware, aber dafür billig? Wo soll er stehen und - steht er gerade? Nehmen wir echte Kerzen oder Lichterketten? Und wenn, dann weiß, bunt, blinkend? Oder alles zusammen?

Bei uns ist alles ganz anders

Während ich dies schreibe, stelle ich fest – wir haben gar keine festen Rituale. Außer einem vielleicht: an Weihnachten krank zu sein: Fieber, Husten, Schnupfen, Pseudokrupp, Bindehautentzündungen und eine verschluckte Büroklammer. Durchfall und Erbrechen ist gar nicht der Rede wert - außer das eine Mal vielleicht, als der erste bereits beim Krippenspiel zwischen die Kirchenbänke gekotzt hat. Zweimal sind wir mitten im Dezember umgezogen und nach mittlerweile acht Weihnachten ergibt sich folgende Bilanz: Es ist alles schon mal dabei gewesen. Weihnachten zwischen Umzugskartons und bei den Schwiegereltern, Riesling-Huhn auf weißer Tischdecke und Backofenpommes und Zwieback und Tee auf dem Sofa, alle zusammen schick angezogen in der Weihnachtsmesse und Gottesdienst im Radio.

Immerhin, wir streiten uns nicht; weder um grundsätzliche Kindheitserinnerungen noch um Detailfragen. Wahrscheinlich sind wir zu beschäftigt damit, zu improvisieren und zu organisieren, zu verschieben und irgendwas im Fernsehen zu finden, was alle Kinder gucken können, damit sie aus den Füßen sind.

Die armen Kinder

Wenn das so weitergeht, werden unsere Kinder dereinst keine typischen Weihnachtsrituale in ihre neuen jungen Familien einbringen können. Keine Erinnerungen, kein Kindheitsglück.

Obwohl, wer weiß. Kinder finden ja meist das normal, was sie kennen. Und vielleicht werden sie irgendwann sagen: „Wieso schon wieder Lammkoteletts? Haben wir doch letztes Jahr schon gekocht, vorletztes auch. Das ist doch kein Weihnachten! Bei uns zu Hause, ja, da war Weihnachten jedes Mal ganz anders.“

Lektüre zum Thema:

Der Karpfenstreit: Die schönsten Weihnachtskrisen“ enthält kleine nette, böse Geschichten um Weihnachtsrituale, Festessen und die bekanntesten Weihnachtslieder – wie man sie richtig singt, wie sie leider meist gesungen werden und wo die Stolperfallen liegen. Geschrieben von Daniel Glattauer und illustriert von Michael Sowa, erschienen im Dezember bei Sanssouci. Das Büchlein kostet 8,90 Euro.

Es gibt auch eine Hörbuch-Version, allerdings ist die etwas langweilig und langatmig – die Lieder werden tatsächlich alle durchgesungen.....

Wissenschaft im Alltagstest

von: Sigrid Tinz

Diskutieren Sie mit Sigrid Tinz über ihren Alltag als Mutter und Wissenschaftsjournalistin.

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