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Zwillinge machen die Sache auch nicht besser
Es gibt immer weniger Kinder aber immer mehr Zwillinge. Wissenschaftler begründen das damit, dass Frauen immer später ihre Kinder bekommen. Je älter, desto mehr lässt die Fruchtbarkeit nach: Hormonbehandlungen oder künstliche Befruchtungen ergeben einfach mehr Mehrlingsschwangerschaften; und auch die Natur drängt und lässt pro Zyklus öfter mal mehr als ein Ei springen. Klar, irgendwann freut man sich bestimmt auch und wahrscheinlich ist es halb so schlimm, sondern doppelt so schön. Oder dreifach oder fünffach.
Aber: man muss dann auch zwei, drei oder fünf Namen aussuchen.
Und Namen suchen finde ich das schlimmste am Kinderkriegen.
Individuell muss so ein Name schon sein
Früher war es einfacher, stelle ich mir vor, da hieß das Kind wie Mama, Papa, Oma, Opa oder wie der Graf oder der Kaiser oder wie ein Heiliger. Und gut. Heute darf man das nicht mehr. (Streng juristisch natürlich schon. Da ist nur festgelegt, dass ein Name nicht herabsetzend oder lächerlich sein darf, er muss zumindest irgendwo auf der Welt Vorname sein, und man muss ihn eindeutig einem Geschlecht zuordnen können, zur Not mit einem Zweitnamen.)
Aber ein Kind wie seinen Vater zu nennen ist total unindividuell.
Allerdings hat auch jeder Name eine Botschaft an die Umwelt, das zeigt sich aber in Umfragen und Statistiken immer wieder. Die mit der individuellen Person, für die man ihn ausgesucht hat, nicht unbedingt viel zu tun hat.
- Namen mit vielen A´s klingen gut und sympathisch: unter Annalena stellt man sich einfach jemand anderes vor als unter Ingrid.
- Jungs mit zweideutigem Namen stören den Unterricht im Jugendalter viel öfter als solche mit eindeutigem; vermutlich, weil sie sich bewusst männlich darstellen und von ihrem weiblichen Vornamen abgrenzen wollen.
- In einer Onlineumfrage sollten Lehrer sagen, was sie mit bestimmten Namen verbinden. „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, schrieb einer in den Fragebogen. Das ist natürlich sehr gemein, aber in anderen Versuchen stellte sich heraus, dass die gleiche Klassenarbeit besser bewertet wird, wenn sie ein Johann oder eine Johanna geschrieben hat als wenn Gina oder Tom-Luca drüber steht; und Bewerbungsunterlagen von Mohammed Özcan kommen viel öfter zurück als die von Maximilian Otten, auch wenn außer dem Namen kein Unterschied besteht.
- In der eigenen Altersgruppe werden Kinder mit altmodischen Namen als weniger ansprechend und kompetent angesehen. Aber was ist altmodisch? Johanna, Greta, Frieda, Wilhelm, Anton, Karl – sind in der Altersgruppe der Vierjährigen ziemlich modisch. Ina und Nicole, Stefan und Ralf schon eher – so heißen nämlich ihre Eltern. Aber es gilt abzuwägen: Ältere Menschen (Omas, Lehrer, Personalchefs....) bewerten solche Namen wiederum besser und kompetenter modisch-altmodische Zeitgeistnamen.
- Des weiteren nützt der prächtigste, passendste Vornamen nichts, wenn er zusammen mit dem Nachnamen Zungenbrecher oder alberne Wortspiele oder seltsame Assoziationen ergibt (wirklich wunderschöne Beispiele stehen unter www.namentlich.de .)
Und dann gibt es noch Mehrlingsnamen
Und – um wieder auf das eigentliche Thema zurückzukommen – würde man nun Zwillinge bekommen, müsste man das nicht nur doppelt und dreifach durchdenken müssen, sondern es käme noch einen Kategorie dazu: die der Mehrlingssnamen. Die sollen die besondere Verbundenheit besonders zum Ausdruck bringen. Zum Beispiel gehören dazu Namen mit dem gleichen Anfang wie „Alena“ und „Alexander“ und solche mit gleicher Endung wie „Sebastian“ und „Christian“ oder auch ähnlich klingende Namen wie „Sara“, „Mara“ und „Clara“. Wer sich sorgt, dass Zwillinge eh schon viel zu oft verwechselt werden und zu selten als eigenständiger Mensch gesehen, kann auf Namen ausweichen, die sehr unterschiedlich sind - „Matthias“ und „Jonathan“ zum Beispiel, die aber das gleiche bedeuten. In diesem Fall so viel wie Gottesgeschenk; was aber nur die Eltern wissen und Menschen mit einem Universitätsabschluss in alten Sprachen.
Um es abzukürzen: Wir haben keine Zwillinge und unsere Kinder haben Allerweltsnamen bekommen – oder das, was wir dafür halten.
Und oft ist es doch so, dass das Kind, seine Umwelt und seine Mitmenschen, irgendwann einen individuellen Namen finden, der exakt zu dieser einzigartigen Persönlichkeit passt.
Spitzname nennt sich das dann.
Zum Lesen und Forschen:
- „Das große Zwillingsbuch“ von Coks Feenstra (24,95 EUR, Beltz; 2010) habe ich auch als Werdende-Nicht-Mehrlingsmutter gerne gelesen; es ist richtig gut geschrieben, ein echtes Nachttisch-Blätterbuch: von biologischen Fakten über die Entstehung von Mehrlingen bis hin zu berührenden Geschichten über Zwillinge, die ihren Zwilling verloren haben. Nur über Namen steht nichts brauchbares drin.
- Das gibt es im „Duden - Das große Vornamenlexikon: Herkunft und Bedeutung von über 8 000 Vornamen“ (14,95 Euro) oder im Netz, zum Beispiel auf www.beliebte-vornamen.de. Unter anderem gibt es hier einen Karrieretest: taugt der ausgesuchte Name auch als Konzertpianist oder Fußballspieler, als Bundeskanzlerin oder Wirtschaftsprofessor.
- Seriöse – und kostenpflichtige – Beratung gibt es bei der Personennamen-Beratungsstelle an der Universität Leipzig (www.uni-leipzig.de/~slav/alte-homepage/ai/ainb.htm ); Anfragen an rodrig@rz.uni-leipzig.de oder unter der gebührenpflichtigen Telefonnummer 09001/ 88 77 35.

