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Alles nur Theorie...
Okt '10
17:43 Uhr
14

Eltern sind keine Geldautomaten

Einerseits ist das mit dem Taschengeld  ganz einfach: Taschengeld hat seinen pädagogischen Sinn und es gibt gewisse Regeln.

eltern_geldautomaten

Wäre da nicht das ‚Andererseits‘, der Alltag mit einem oder mehreren Kindern. Da gibt es durchaus komplexe Situationen und ich finde es nicht immer leicht, zu entscheiden, welche Regeln in welcher Reihenfolge und Kombination ich am Besten anwenden sollte.

Dazu kommt: Kinder sind Egoisten.

Meinetwegen ist es auch ‚gesunder‘ Egoismus, wie er im Zusammenhang mit den lieben Kleinen meist genannt wird. Tatsache ist: sie stehen den Zielen der Finanzpädagogik eher ablehnend gegenüber. Und das erschwert die pädagogisch korrekte Anwendung der Taschengeldregeln enorm.

Zum Glück habe ich einen kleinen Vorteil.

Ich lese nicht nur Ratgebertexte, sondern ich schreibe sie auch. Und während ich dafür recherchiere, lese und mit Fachleuten telefoniere, kann ich die ein oder andere Frage einschieben, die mich mehr persönlich interessiert als beruflich. Zum Beispiel folgende Situation: Meine Tochter (7) beschließt, sich beim Kiosk um die Ecke ein Eis zu holen. Das kann sie tun, sie geht in die zweite Klasse, bekommt also Taschengeld, davon kann sie kaufen, was sie möchte – auch Eis kaufen, obwohl es bereits eines zum Nachtisch gab. Ihr vierjähriger Bruder will dann auch ein Eis kaufen. Was er nicht tun kann, weil er bereits eines zum Nachtisch hatte und weil er noch zu klein ist, um Taschengeld zu bekommen, mit dem er tun kann, was er möchte.

Der Experte antwortete lange nichts. Und dann: „Da müsste man im Einzelfall schauen.“

Ich fühlte mich mit dieser Antwort etwas abgebügelt – so war es auch gemeint, nehme ich mal an, das Gespräch war danach recht schnell beendet. Im Endeffekt hat es mir aber sehr weitergeholfen, durchaus auch der anfängliche Ärger über all diese Fachleute, die in Kategorien von sorgfältig abgehefteten Kontoauszügen denken und sich an ihrem Schreibtisch überlegen, wie ihnen unbekannte Eltern unter deren ganz persönlichen Lebensbedingungen mit ihren völlig einzigartigen Kindern umzugehen haben. Jawohl, liebe Fachleute, wir sind alle Einzelfälle! Und eure Regeln sind Grundlagen, Denkanstöße. Mehr nicht.

Die Lösung ist also: es gibt keine – nur meine.

Und wie ich mich entscheide, hängt von meiner Lebenseinstellung ab, von meinen Werten, könnte man sagen, auch wenn es ein bisschen staatstragend klingt.

Also: Ich könnte mich an mein Taschengeldkonzept halten – die Große kauft sich ein Eis, der Vierjährige keins. Dann ist der Kleine sauer und das Geschrei ist groß. Will ich das? Prinzipiell? Und auch, weil davon der ganz Kleine aus seinem Mittagsschlaf aufwacht und der Nachmittag gelaufen ist? Ich könnte dem Mittleren ab sofort auch Taschengeld zahlen, auch wenn er eigentlich noch nicht alt genug ist. Oder ich könnte ihm Extra-Eisgeld schenken. Die Große braucht kein Extrageld, weil sie ja Taschengeld hat. Ist das ungerecht? Und was ist dann mit dem Zweijährigen? Der will ja bestimmt ein Eis.

Ja, eine eigenen Lösung zu finden ist ein bisschen anstrengend. Man-macht-das-so-und-basta zu sagen, damit ist es nicht getan.

sparschwein

Selber nachdenken, das muss man dann schon. Und ehrlich sein.

Zum Beispiel: „Heute ist so schönes Wetter, ich will draußen sitzen und lesen und ihr könntet noch mal ins Planschbecken. Ich will keinen Streit, kein Geheule und auch keine Diskussionen. Wie wär´s, wenn ihr euch noch ein Eis aus dem Kühlfach holt?“

Es wurden dann zwei Eis für jeden und alles in allem war es ein wunderschöner goldener Herbsttag.

Ganz ehrlich war ich nicht, muss ich gestehen. Dann hätte ich gesagt: „Ohje, bitte lasst uns jetzt nicht in die Taschengelddiskussion einsteigen! Das haben wir doch wieder seit Wochen vergessen.“ Wir hätten rekapitulieren müssen, wie viele Zahltage ausgefallen sind. Keiner hätte sich genau erinnern können und so wäre es auf einen Abschlag von sieben Euro hinausgelaufen. Damit es dann gleich für ein großes Schleichtier reicht. Und damit es an diesem schönen Herbstnachmittag kein Geschrei gibt, natürlich für alle drei.

Da bin ich so billiger davongekommen.

Kommentare

Taschengeld

Danke für Ihre "Alltagsschilderung" der Dinge! Mir geht es oft ganz genauso!

Einladen!

Bei uns lädt das Große das Kleine zum Eis ein. Damit sind Streit und lästige Diskussion vermieden. Die Eltern erstatten dem Großen dann die Zusatzkosten - Problem gelöst! Und Groß fühlt sich auch noch gut, weil es für Klein Verantwortung übernehmen konnte.

sinnvolle Lösungen

Herzerfrischend sinnvolle Lösungen und Ideen sind hier auch in den Kommentaren zu finden.

Das macht yango family zu meiner Lieblingsrubrik als Vater eines 28 Monate alten Sohnes.

Danke für den aus dem Leben gegriffenen Artikel und an die Autoren der Kommentare.

Gerechtigkeitssinn

Liebe Frau Tinz, Sie treffen wie so oft den Nagel auf den Kopf, wissen keine Lösung und haben doch eine parat. Mit selber drei Kindern, die nur ein kleines bisschen älter sind, ist mir die geschilderte Situation nur allzu bekannt. Und die Lösung im einen Fall dieselbe, im anderen eine andere.
Etwas überrascht konnte ich nämlich einmal folgendes feststellen: Verständnis bei unseren Großen (8 Jahre) für pädagogische Grundsatzüberlegungen.
Papa: "Wenn Du Dir jetzt ein Eis kaufst, was Du natürlich mit Deinem Taschengeld darfst, dann sind Deine Brüder traurig, weil sie das nicht können. Was sollen wir denn da jetzt machen?"
Anna: "Dann musst Du ihnen auch eines kaufen, Papa!"
Papa: "Du kaufst Dir also eines von Deinem Taschengeld und sie bekommen eines von mir?"
Anna: "Nein Papa, das wäre ja auch irgendwie ungerecht" – Pause. – "Dann musst Du uns einfach allen eines kaufen!"
Papa: "Das finde ich jetzt nicht richtig: Du willst von Deinem Taschengeld ein Eis kaufen und weil Deine Brüder dann aber traurig wären, muss ich Euch allen eines kaufen. Wozu bekommst Du dann aber Taschengeld?"
Anna: "Ja, Papa, das stimmt." – Pause – "Weißt Du was? ich kauf' mir eines, ohne dass sie es merken."

Das Thema Taschengeld birgt natürlich noch größere Herausforderungen. So z.B. die Frage, bei der man wohl am besten einmal eine Grundsatzentscheidung getroffen haben muss, weil sonst Ärger vorprogrammiert ist und die Kinder auch keine "Rechtssicherheit" haben: Wie macht man das bei Großanschaffungen: Moped, Auto, etc. Da gibt es verschiedene Lösungen. Angefangen von der Variante: Mama und Papa zahlen die Hälfte, alles oder gar nichts, bis zu pädagogisch ausgeklügelten Varianten: wenn der Gesamtbetrag angespart ist, übernehmen die Eltern die Hälfte. Zum Glück haben wir noch etwas Zeit mit dieser Grundsatzentscheidung.

Dass Entscheidungen oft vom Einzelfall anhängen liegt daran, dass die Wahrheit nicht einfach in der Mitte liegt bzw. die Mitte ein weites Feld ist. Ob man also eher die Lösung in der rechten oder linken Hälfte der Mitte zu suchen hat, entscheiden besonders die Umstände und Personen. Ob und wieviel Taschengeld die Kindern bekommen hängt z.B. schlicht auch davon ab, wie alt sie sind. Und die Realität ist da häufig noch verzwickter: Als es bei uns um die Frage ging, wann bekommt unsere Große wieviel Taschengeld und was machen wir mit ihren Brüdern, standen wir vor einer klassischen Dilemmasituation: Die Jungs sind noch zu klein, die brauchen noch kein Taschengeld. Wenn sie aber nichts bekommen, dann fühlen sie sich benachteiligt.
Nun braucht man dafür noch keinen familieninternen Diskurs anzustrengen, um die unterschiedlichen Interessen ungefähr abzuschätzen. Das können die Eltern quasi monologisch. Zumal die Kleinen dafür auch noch zu klein sind. Der Handlungsvorschlag der Eltern muss diese Interessen allerdings berücksichtigen – zumindest die berechtigten. Die Lösung war dann recht einfach: Alle drei bekommen wöchentlich einen €uro in die Sparbüchse. Die Große zusätzlich noch Taschengeld. Bis jetzt finden alle diese Lösung gerecht und sind zufrieden. Mal sehen, was auf uns zukommt, wenn der Mittlere auch Taschengeld bekommen soll.

Wissenschaft im Alltagstest

von: Sigrid Tinz

Diskutieren Sie mit Sigrid Tinz über ihren Alltag als Mutter und Wissenschaftsjournalistin.

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