Dreizehn-, Vierzehn- oder Fünfzehnjährige, die auf dem Liegestuhl lümmeln, stundenlang, von denen nichts zu hören ist außer mal ein Kichern, Seufzen oder ein „Wie geil ist das denn?“, die keinerlei elektronische Geräte bei sich haben: Was machen die gerade?
Sie lesen ein Buch.
Gar nicht so selten übrigens, wie man den Eindruck haben könnte, angesichts der kulturpessimistischen Schwarzmalerei über die Konkurrenz durch Computer und Co. Das war nicht immer so. Vor ein, zwei Jahrhunderten schrieben Erziehungswissenschaftler: Bücherlesen sei eine passive, konsumierende Tätigkeit, es lenke ab von der Wirklichkeit, verwische die Grenzen zwischen realer und fiktiver Welt, verführe dazu, das Schlafen zu vergessen. Ergo müsse es in maßvoll-bekömmliche Bahnen gelenkt werden. Diese Buhmann-Rolle haben heute Nintendo, Facebook und Smartphone, und statt „Leg das Buch weg, mach lieber was Anständiges!“ heißt es heute: „Daddel nicht so viel, nimm ein Buch!“ Denn: Wer gern liest, schreibt besser, versteht leichter, ist kreativer und fantasievoller, hat bessere Noten und eine aussichtsreiche berufliche Zukunft.
Eltern mit kleinen Kindern, die für eine Vorleserunde auf dem Sofa alles stehen und liegen lassen, fragen sich insgeheim: „Was können wir tun, damit es so bleibt mit der Lesebegeisterung? Wenn sie älter werden, wenn es erst mal losgeht mit dem Computerkram?“
Statistisch stehen die Chancen gar nicht schlecht: Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest zum Beispiel befragt jährlich viele Hundert repräsentativ ausgewählte 12- bis 19-Jährige – mit folgendem Ergebnis: Zwar hat die Nutzungsdauer von Internet und anderen elektronischen Medien mit der Zeit zugenommen, aber nicht auf Kosten des Lesens. Seit Jahren gibt nämlich gut die Hälfte aller Befragten an, täglich oder regelmäßig Bücher zu lesen, ein Viertel sagt, sie läsen ab und zu. Mädchen und jüngere Teenies lesen insgesamt mehr, Jungen, Ältere und Hauptschüler weniger.
Ein Fünftel der Jugendlichen gibt an, nie zu lesen. Darunter sind sogenannte funktionale Analphabeten. So werden Menschen genannt, die zwar die Buchstaben kennen und auch ihren Namen und einige Wörter schreiben können, die aber den Sinn eines längeren Textes nicht erfassen können. Oder nur mit viel Zeit und Mühe. Die Gründe sind vielfältig und immer individuell, sagen Bildungswissenschaftler. Aber im Endeffekt laufe es darauf hinaus, dass Kinder, die nicht gut Deutsch können oder nie vorgelesen bekommen, schwerer verstehen, langsamer lernen, schlechter lesen, weniger lesen oder gar nicht lesen.
Ihre Kinder werden vermutlich nicht dazu gehören. Denn wenn Sie diesen Text hier lesen, dann weil Sie sich für das Lesen und für Bücher interessieren. Sie werden ihren Kindern vorlesen, wahrscheinlich selber gern lesen und ihnen so ein gutes Vorbild sein. Sie werden sie beim Lesenlernen unterstützen, sich vorlesen lassen und sie mit guten Büchern versorgen. Für junge Kinder gilt: Bücher mit großer Schrift und kurzen Sätzen, mit einfachem Inhalt über Ritter und Einhörner, Bauernhöfe und Ballettstunden, der das Kind nicht vom Buchstabieren ablenkt. So wird das Lesen automatisiert, und irgendwann geht es nicht mehr um Buchstaben und Wörter. Dann will das Kind Geschichten erleben.
Und dafür herrschen auf dem Jugendbuchmarkt so gute Bedingungen wie noch nie. Um möglichst viele Jungen und Mädchen für Bücher zu begeistern, werden die Bücher genau nach deren Geschmack produziert. Nicht mehr nach dem von Eltern, Omas, Lehrern. Kein Teenie muss sich heute mit erbaulichen Geschichten über saubere Mädels und Jungs begnügen, mit harmlosen Abenteuern oder pädagogisch wertvollen Themenbüchern über Nazideutschland, Armut, Drogen oder Magersucht.
Sondern: 150 Seiten romantisches Getändel bis zum ersten Kuss. Grusel, Thrill und Crime und alles, was ein bisschen „Angstlust“ in einen rundum abgesicherten Alltag voll Helm- und Gurtpflicht bringt. Fantastische Wesen in fantastischen Welten, die den Leser aus der nüchternen Realität entführen, aus einer Realität, in der alles naturwissenschaftlich erklärbar ist. „Am besten gehen Titel, die von allem etwas haben“, sagt Regina Pantos, Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur. Nach dem aktuell sehr erfolgreichen Muster „Schülerin liebt Vampir“.
Allerdings gibt es unter dem Fünftel der jugendlichen Nichtleser nicht nur Analphabeten, sondern auch viele, die einfach keine Bücher lesen. Um die muss man sich zwar der Lese- und Schreibkompetenz wegen keine Sorgen machen, denn wer chattet, postet, simst, muss lesen und schreiben können. Dennoch wäre es ihren Eltern lieb, wenn sie ihre freie Zeit nicht an der Konsole oder bei Facebook verbrächten, sondern mit Lektüre. „Wenn jemand nicht gern oder sogar nie liest, hat er einfach noch nicht das Buch in die Hand bekommen, das für ihn persönlich ein richtig gutes ist“, davon ist zumindest der Warendorfer Buchhändler Reinhard Hesse überzeugt.
