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frühpädagogik

Babys Volkshochschule

Babyschwimmen und Kinderturnen, Pekip-Kurse und Massage, wahlweise nach Leboyer, Amelia Auckett oder nach der Loving-Touch-Methode, Musikspielwiesen, Yoga und Shiatsu, Early Englisch oder Baby-Gebärdensprache – sogenannte Frühpädagogik gibt es mittlerweile in der kleinsten Stadt. Alle unterschiedlich, alle mit ähnlich guter Absicht: die ganz Kleinen von Anfang an zu fördern.

Frühpädagogik sollte nicht in Stress für Eltern ausarten. Foto: Colourbox
Frühpädagogik sollte nicht in Stress für Eltern ausarten. Foto: Colourbox
 

Geschätzte zwei Drittel aller Kinder nehmen an einem der Angebote teil, die einzelnen Anbieter sprechen von zunehmender Nachfrage. Jedes Jahr kommt etwas dazu, und nicht alle Eltern, die sich anmelden, bekommen einen Platz.

„Die Erziehung von Kindern“, konstatiert die Familienforscherin Severine Thomas, „ist heute ein Spannungsfeld aus höheren Erwartungen an die Erziehung zu leistungsstarken Mitgliedern der Gesellschaft, fehlenden tradierten Kompetenzen von Eltern und fehlenden natürlichen sozialen Erfahrungsräumen.“ Und in diesem Spannungsfeld seien all diese Kurse erst einmal positiv.

Hermann Scheuerer-Englisch, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft für Erziehungsberatung in Bayern, sieht das anders: Elterntreffs oder Stillcafés oder Mutter-Kind-Frühstücke, die mag er empfehlen, auch Spielgruppen und Pekipkurse. „Alles was ansatzweise mit Leistung zu tun hat“ – davon rät er ab.

Leistung?

Müssen die Kleinen etwa Lieder vorspielen oder nach dem Aufbaukurs Wasserpädagogik zur Seepferdchen-Prüfung antreten? Alles ist doch spielerisch und ganzheitlich.

Es sind eher die Eltern. „Die nehmen das ziemlich ernst.“ Wer taucht mit seinem Baby, wer nicht? Wessen Baby dreht sich schon, welches weint, wenn Mama es massiert? Wer ist weiter, schneller, besser?

Und warum tun wir Eltern uns diese „Vergleicheritis“ an? Weil wir möchten, dass all das eintritt, was uns die Infozettel und Broschüren versprechen: bessere Körperwahrnehmung und Koordination, schnellerer Spracherwerb oder Bewegungsfreude ein Leben lang, eine gute Eltern-Kind-Beziehung, und nur Gutes für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung. Oder weil wir Sorge haben, unserem Kind würde dann fehlen, was all die anderen bekommen.

Wir wollen doch das Beste für unser Kind.

Dem Schulsystem ist ja nicht mehr viel zuzutrauen. Und uns Eltern auch nicht.

Egal ob Eltern früher kompetenter waren oder heute nur meinen, sie wären es nicht, weil sie es ständig lesen und hören: Keine Mutter und kein Vater weiß intuitiv, was das Neugeborene hat, wenn es weint; wie es gern getragen wird; wann es wo gerne einschläft. Ob es nun das erste Kind ist oder das vierte. Eltern und Kind müssen sich kennen lernen. Zeit, Ruhe und viel Zusammensein hilft dabei. Was nicht hilft: Montag Pekip, Dienstag Schwimmen, Mittwoch Rückbildung und Babymassage, Donnerstag Yoga für Mutter und Kind und Freitag Musikkindergarten.

Außerdem sind nur die wenigsten entwicklungsfördernden Wirkungen wissenschaftlich seriös nachgewiesen. Und es gibt durchaus Hinweise, dass es sich viele Kurse zusammen sogar nachteilig auswirken können.

Dazu kann man ein altes afrikanisches Sprichwort zitieren, das besagt, nichts wachse schneller, nur weil man dran zieht. Und manches geht sogar ein, wenn es zu viel gegossen wird.

Oder moderne und renommierte Hirnforscher wie Gerald Hüther: Wichtiger als Kindern Spezialkenntnisse einzutrichtern, sei es, reichhaltige Sinnes- und Verhaltensangebote bereitzustellen, damit das Gehirn später maximale Leistungskraft erreichen kann.

Und weil ein neun Wochen altes Baby kein erlebnishungriger Teenager ist, ist weniger besser. „Und der Alltag erst mal reichhaltig genug“, sagt Hermann Scheuerer-Englisch. Trinken, Nuckeln, Kuscheln, Schauen und Angeschaut werden, Lauschen, Fühlen, Singen und Reden.

Ist die gesamte Frühpädagogik also nur „Mütterbeschäftigungsindustrie“, wie manch einer behauptet? Denn es sind fast immer die Mütter, die hingehen.

„Das klingt etwas böse“, sagt Scheuerer-Englisch, „ist aber das Beste an diesen ganzen Kursen.“ Nicht weil die Frauen sonst nicht wüssten, wohin mit ihrem Ehrgeiz und ihrer Zeit. Sondern weil sie dort andere Mütter treffen, über Milchstaus und wunde Popos reden können, hinterher Kaffee trinken gehen und weiter reden über Milchstaus und wunde Popos. „Kontakte und Austausch sind wichtig für Frauen, die bis vor Kurzem voll berufstätig waren. Und jetzt einsam und alleine mit ihrem Baby in der Wohnung sitzen.“ Oma wohnt nicht mit im Haus und kaum jemand hat viele Nachbarn mit kleinen Kindern – das sind die fehlenden „natürlichen sozialen Erlebnisräume“.

Ein Vorschlag: Statt die alten natürlichen Erlebnisräume durch neue künstliche zu ersetzen – durch hochgeheizte Schulungsräume, Glöckchenhandschuhe, pippiwarmes Chlorwasser – warum nicht versuchen, neue natürliche zu finden?

Zwei, drei nette Rückbildungsbekannte einladen, die Babys auf Isomatten unter den Apfelbaum legen und sich in aller Ruhe über Milchstaus und wunde Popos unterhalten. Stimmen, Tassenklirren, Wind auf der Haut und die Haare der kleinen Kollegen zwischen den Fingerchen – für die Babys ist das ganz nebenbei allerbeste Frühpädagogik. Und ohne mehrere Hundert Euro auszugeben für die Kursgebühren und fürs ungeröstete Bio-Mandel-Massage-Öl.

Zur Person

Sigrid Tinz ist Wissenschaftsjournalistin und hat u.a. für "Ökotest" und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" gearbeitet. Sie hat drei Kinder, schreibt viel über Familienthemen und hat ein Buch zum Thema veröffentlicht: "Die liebe Kleinen" (Fischer-Verlag, 2007)

Adressen

Offene Spielgruppen, Eltern-Kind-Gruppen, Elterncafés, Frühstücke und Stilltreffs werden angeboten von: Familienbildungsstätten, Kirchengemeinden, Hebammen oder Kindertagesstätten, die gleichzeitig Familienzentren sind. Eine Liste gibt es unter www.familienzentrum.nrw.de/zertifiziertefamilienzentrenin.html .

(Sigrid Tinz)


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