Bei Josef Zimmermann, dem Leiter der katholischen Erziehungs- und Familienberatungsstelle in Köln, suchte jetzt ein entnervtes Ehepaar Rat, dessen erstes Kind fast ununterbrochen schrie, obwohl es gesund war. Vater und Mutter hatten alles versucht, um ihre zwei Monate alte Tochter zu beruhigen – die Kleine schrie trotzdem weiter. Dies setzte die beiden zunehmend unter Stress und gab ihnen das Gefühl, als Eltern zu versagen. Auch ihre Partnerschaft litt darunter.
Auf den Rat Zimmermanns hin reduzierten sie die Beruhigungsversuche und wählten die Form aus, die sie selber am ehesten noch geduldig bleiben ließ und die sie dann konsequent beibehielten: Sie nahmen die Kleine eng in den Arm – ohne Druck, sie unbedingt ruhig zu bekommen. Sie begannen, sich nachts abzuwechseln, so dass immer einer von ihnen schlafen konnte. Außerdem baten sie ihre Eltern, sich tagsüber für ein bis zwei Stunden um das Baby zu kümmern. Dadurch besserte sich ihr Verhältnis zum Kind und auch untereinander. Nach sechs anstrengenden Monaten hörte die Kleine schließlich auf, stundenlang zu schreien.
Dass Babys anhaltend schreien, ist keine Seltenheit. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte schätzt, dass acht bis 29 Prozent der Säuglinge ein solches Verhalten zeigen. Meist ist das viele Schreien Ausdruck von Anpassungs- oder Regulationsstörungen – die Neugeborenen haben also Schwierigkeiten, sich nach der Geburt zurechtzufinden. Schrei-Babys fehlt noch die Erfahrung, wie sie sich selbst beruhigen können. „Säuglinge, die viel schreien, reagieren auch einfach stärker auf Reize als andere Kinder, etwa auf Lärm oder wenn sie an- und ausgezogen werden“, erläutert Diplom-Psychologe Zimmermann. Wenn die Eltern sehr gestresst sind, kann sich diese Unruhe ebenfalls auf das Kind übertragen.
Das einzige Ziel der Eltern ist meist, das Schreien zu verhindern. Wenn dies allen Anstrengungen zum Trotz nicht gelingt, fühlen sie sich unfähig und oftmals von ihrem Kind abgelehnt. Dies kann Eltern niedergeschlagen oder wütend auf ihr Kind machen. Das Gefühl, der Elternrolle nicht gewachsen zu sein, belastet die Beziehung zum Kind und die Partnerschaft. Wenn das Baby zwischendurch einmal wach und ruhig ist, begegnen ihm die Eltern mit der Sorge, es könnte gleich wieder anfangen zu brüllen. So kann ein Teufelskreis zwischen Schreien, Überforderung der Eltern und zunehmender Anspannung entstehen.
Ihren Wert als Eltern sollten diese nicht davon abhängig machen, dass sie ihr Kind schnell still bekommen, so Zimmermann. Wer das Brüllen nicht mehr ertrage, könne das Kind ins Bett legen und ihm sagen, dass er in fünf Minuten wieder komme. In dieser Zeit könne er zum Beispiel auf den Balkon gehen und sich dort selbst beruhigen. „Erfreuen Sie sich auch an Situationen, in denen Ihr Kind ruhig ist, und wenden Sie sich ihm dann freundlich zu“, sagt der Psychotherapeut.
Wenn die Eltern in diesen Minuten ihr Kind ansprechen und es berühren, können sie die angenehmen Seiten ihres Babys kennenlernen und stellen fest, dass es sie nicht ablehnt. Wichtig ist auch, dass die Eltern auf einen klar strukturierten Tagesablauf achten und soweit wie möglich für Entlastung sorgen.
Weiterhelfen können auch Familienberatungsstellen. Außerdem gibt es spezielle „Schrei-Ambulanzen“, die oft an Geburtskliniken oder Beratungsstellen angegliedert sind. Adressen weiß der Kinderarzt. „Scheuen Sie sich nicht, sich Hilfe zu holen. Für die weitere Entwicklung Ihres Kindes ist es wichtig, dass Ihr Verhältnis zu ihm wieder positiver und entspannter wird“, rät Familienberater Zimmermann.
