Richtig verstanden hat Philipp es erst zwei Jahre später. So lange brauchte er, um zu begreifen, dass sein älterer Bruder Felix tot ist. „Ich war damals sechs, er zehn. Er ist im Ferienlager bei einem Unfall gestorben“, erzählt der heute 17-Jährige aus Potsdam. Sehr eng sei ihr Verhältnis gewesen, sie hätten nachts immer noch unter der Bettdecke erzählt. Bis heute vergeht kein Tag, an dem er nicht an seinen Bruder denkt, sagt er.
Wenn ein Geschwisterkind stirbt, gerät das Familiengefüge auseinander. Nicht nur die Eltern müssen ihre Trauer verkraften, auch die verbleibenden Geschwister müssen ihr Leben neu ordnen. In einigen Fällen sind sie plötzlich das einzige Kind in der Familie, in anderen das älteste. Und auch die Beziehung zwischen Kind und Eltern wandelt sich: „Eltern reagieren oft ambivalent. Einerseits sind sie zerrissen, andererseits legen sie stark den Fokus auf das noch lebende Kind und sind panisch, dass ihm auch etwas zustoßen könnte“, sagt Trauerbegleiter Thomas Multhaup.
Auf welche Art Kinder trauern, kann unterschiedlich sein: Während einige zumindest nach außen schnell wieder zur Normalität übergehen, entwickeln andere Schuldgefühle. Ist der Bruder oder die Schwester gestorben, weil ich so böse zu ihnen war? Hätte ich mein Geschwisterkind vor Krankheit oder Tod schützen können? „Eltern müssen dann deutlich machen ‚Das ist nicht deine Schuld‘“, sagt Helga Lauchart, Psychotherapeutin in Tübingen. Oft könne es helfen, symbolisch etwas für das verstorbene Kind zu tun, etwa ein Bild malen oder gemeinsam für das Kind singen.
Gefährlich werde es, wenn sich in der Familie alles nur noch um das verstorbene Kind dreht. „Lebende Kinder bekommen dann das Gefühl ‚Und ich?‘“, sagt Lauchart. Sie könnten den Wunsch entwickeln, ebenfalls sterben zu wollen. „Sie denken, dass ihre Mutter sie vielleicht lieber hat, wenn sie tot sind.“
Für Eltern ist oft nicht ersichtlich, wie gut ihr Kind den Tod von Bruder oder Schwester verkraftet hat. „Als Faustregel ist es gut, wenn man auf all die Sachen achtet, die vor dem Tod nicht da waren“, so Lauchart. Änderungen im Verhalten könnten Warnzeichen dafür sein, dass das Kind Hilfe braucht. Auch wenn es sich zurückzieht, aggressiv wird und Spaß an Hobbys und Freunden verliert, sollten Eltern aufhorchen.
Auch wenn die Präsenz des toten Kindes nicht zu groß werden darf: Es sollte einen festen Platz in der Familie haben. „Rituale haben einen tröstenden Charakter“, sagt Thomas Multhaup. Der Gang zum Grab und gemeinsame Erinnerungen seien für den Trauerprozess deshalb wichtig. So wird es auch in Philipps Familie gehandhabt. Jedes Jahr am Geburtstag fahren alle zusammen an Felix’ Lieblingsort. Zum Grab geht Philipp selten: „Ich will ihn lieber lebendig in Erinnerung behalten.“
Vor allem müsse man im Umgang mit dem Tod ehrlich sein: Gerade wenn ein Kind beim Tod des anderen noch sehr klein war, müssten Eltern die Dinge später so benennen, wie sie sind. „Es hilft nichts, wenn sie Erklärungen abgeben wie ‚Dein Bruder schläft für immer‘ oder ‚Gott hat ihn zu sich geholt‘“, so Multhaup. Kinder wollten verstehen, was passiert ist.
